Allein im Untergrund

Der Rote Platz: hinten rechts das staatliche Geschichtsmuseum, links der Borowitzkaja-Turm, im Vordergrund Wachen vor dem Lenin-Mausoleum.

Wo bitte geht’s hier nach Retschnoj Woksal? Einmal mit der Metro rund um Moskau.

Retschnoj Woksal. Moskau-Besucher ohne Russisch-Kenntnisse sollten sich den Namen der U-Bahn-Station, an der sie starten, aufschreiben und sich die Worte am besten in kyrillischen Buchstaben darunter malen lassen. Mit rudimentären Kenntnissen fremder Schriftzeichen könnte die Rückkehr sonst kompliziert werden. Notfalls kann man jemandem das Notizbuch unter die Nase halten und dem Fingerzeig folgen.

Die Moskauer Metro-Station Ploschadj Revoljuzij mit ihren Statuen und ihrem Jugendstil.
Die Moskauer Metro-Station Ploschadj Revoljuzij mit ihren Statuen und ihrem Jugendstil.

Retschnoj Woksal ist das russische Wort für den Anleger der Kreuzfahrtschiffe und der Name einer Metro-Station im Norden Moskaus. Dort beginnt unsere Reise durch den Untergrund der russischen Hauptstadt. Der muss etwas Besonderes sein – neun Millionen Menschen täglich können nicht irren. Andererseits sind es genau diese neun Millionen, die eine Rundfahrt zum Survival-Training werden lassen. Denn ausgelegt ist die U-Bahn auf nur sechs Millionen. Zugegeben: Mit all dem Marmor und Stuck ein stilvolles Überlebenstraining. Enden soll es am Roten Platz.

Doch fangen wir in Retschnoj Woksal an – der Ticketkauf stellt schon das erste Problem dar. Automaten gibt es nämlich nicht. Stattdessen Kassenhäuschen, an denen Touristen, die des Russischen nicht mächtig sind, einfach beide Hände mit gespreizten Fingern in Richtung Kassiererin halten. Die Damen hinter den Scheiben verstehen Pantomime und schieben mit einer mechanischen Handbewegung eine Zehnerkarte durch den Schlitz. Weiter geht es zur endlos langen Rolltreppe. Sich zu verlaufen ist praktisch unmöglich: Wer versehentlich auf der falschen Seite läuft, wird automatisch von den Menschenmassen in die richtigen Bahnen gedrängt. Ticket mit dem Pfeil nach oben in den Automaten, bis die grüne Lampe leuchtet und die verbleibenden Fahrten anzeigt.

Retschnoj Woksal hat für Anfänger einen Vorteil: Es gibt nur eine Linie, die grüne 2, und die fährt nur in eine Richtung – ins Zentrum. Da ist jeder Irrtum ausgeschlossen. An der Haltestelle Belorusskaja kann man auf die braune Ringlinie 5 wechseln, um mit ihr die Stadt zu umrunden und an einigen ausgewählten Stationen den Zug zu verlassen. Nicht unbedingt in Richtung Tageslicht – schon die Bahnhöfe liefern Gründe genug, die Moskauer U-Bahn zu nehmen. Die unterirdischen Paläste der Arbeiterklasse sind Monumente der Stalin-Ära, viele mit Fresken und Skulpturen zu ausgewählten Themen verziert. Beispielsweise Belorusskaja, „der Weißrussische”: Die frisch geputzten Mosaike im Zwischengeschoss zeigen ein Idealbild des Lebens in Weißrussland. Die Station ist ein Tempel zur Huldigung bäuerlichen Schaffens, „Höhlenmalerei” von größter Idylle.

Das einst staatliche Kaufhaus Gum ist innen ein edles Einkaufszentrum - außen ein Denkmal der russischen Architektur des späten 19. Jahrhunderts.
Das einst staatliche Kaufhaus Gum ist innen ein edles Einkaufszentrum – außen ein Denkmal der russischen Architektur des späten 19. Jahrhunderts.

Weiter mit der Linie 5. Der Zug steht im krassen Gegensatz zum Bahnhof. Es ist stickig, die verdreckten Lampen tauchen Sitze und Menschen in Urin-gelbes Licht. „Wie Sprotten in der Dose” stünden die Fahrgäste zu den Spitzenzeiten in der U-Bahn, spottete unlängst das Boulevardblatt „Komsomolskaja Prawda”. Deshalb soll in naher Zukunft ein zweites Metronetz gebaut werden, das das bestehende entlasten soll. Nächster Halt: Nowoslobskaja. Am Ende eines langen Ganges mit Marmorwänden tauchen die Fahrgäste unvermittelt in sakrale Atmosphäre ein. Die Buntglasscheiben zeigen zwar keine kirchlichen Motive, sondern russische Gobelin-Kunst. Aber auch der wird gehuldigt. Kurz verweilen, dann zurück in den Zug.
Übernächster Halt: Prospekt Mira. Wandreliefs stilisieren den Bauern-Alltag, Freude an harter Arbeit inklusive – ganz im Sinne Stalins. Der gab in den 1930er-Jahren den Auftrag, eine U-Bahn als unterirdisches Utopia zu bauen, als sowjetischen Gegenentwurf zu Paris. Lazar Moissejewitsch Kaganowitsch, Stalins Mann fürs Grobe, ließ dafür Zehntausende schuften. Die „proletarische Hauptstadt” sollte aus dem Untergrund wachsen, und unterirdisch fing man an: auf Kosten der Arbeiter.

An der Station Komsomolskaja darf dennoch gefeiert werden – und zwar der Sieg über Nazi-Deutschland. Die Ruhmeshalle bildet die Einnahme des Reichstags durch die Rote Armee ab: ein Kunstwerk mit stuckverziertem Gewölbe, Deckenmalerei, Säulen aus weißem Marmor, einer Lenin-Büste und einem Wandmosaik mit dem Wappen der untergegangenen Sowjetunion. Jedes Mosaik besteht aus 300.000 Teilen, Rundbögen und Säulen strahlen im Licht der Kronleuchter. Stalins Konterfei aber sucht man hier vergebens: Es wurde nach seinem Tod Mitte der 50er-Jahre entfernt.

Blick vom Haupteingang des Kaufhauses Gum auf den Roten Platz: hinten die Kreml-Mauer, davor das Lenin-Mausoleum und wartende Besucher.
Blick vom Haupteingang des Kaufhauses Gum auf den Roten Platz: hinten die Kreml-Mauer, davor das Lenin-Mausoleum und wartende Besucher.

Drei Bahnhöfe treffen sich hier auf drei Ebenen, und zu allem Überfluss haben sie auch noch unterschiedliche Namen, je nachdem aus welcher Richtung man kommt. Jetzt bloß keine Unsicherheit zeigen und sich stattdessen einfach vom Strom mitreißen lassen. Es sind fast ausschließlich Einheimische unterwegs, vor allem jene Menschen, die man der Arbeiterklasse zurechnet. Sie werden unterirdisch transportiert im Gegensatz zu den Zobelmützen tragenden Menschen aus der Oberschicht, die sich über Tage und nicht selten in Nobelkarossen fortbewegen.

Zurück in die 5 bis Kiewsjaka. Die Arkaden des „Kiewer Bahnhofs” sind riesig, wie auch die Mosaike, die die Befreiung Kiews von den Deutschen im Jahr 1941 darstellen. Nach gut zwei Stunden ist es dann geschafft: Moskau ist umrundet. Zurück in Belorusskaja nehme man erneut die Linie 2, jedoch nicht nach Retschnoj Woksal, sondern in die andere Richtung. Am nächsten Halt, Majakowskaja, ein letzter Zwischenstopp: Der historische Teil widmet sich der ruhmreichen sowjetischen Raumfahrt, der neue, 2005 fertig gestellte Gang huldigt dem revolutionären Dichter Wladimir Majakowski. Nirgends sonst wird der Unterschied zwischen alter sowjetischer und moderner russischer Architektur so deutlich wie hier. Doch eines haben sie gemein: die Protzerei.

Am Revolutionsplatz, Ploschtschad Rowoljuzii, streicheln Touristen über die Nase eines bronzenen Hundes – das soll Glück bringen-, bevor es über eine endlos lange Rolltreppe dann doch ans Tageslicht geht. Gleich gegenüber steht das Lenin-Museum, und um die Ecke geht es durch das Auferstehungstor auf den Roten Platz. Im Fernsehen wirkte er irgendwie größer. Mächtiger. Rechts erhebt sich tiefrot das Historische Museum im neorussischen Stil mit zuckergussigen Spitzen und Simsen, rechts direkt vor der Kreml-Mauer liegt das Lenin-Mausoleum. Die Gläubigen, die der Mumie des Erlösers Lenin huldigen wollen, werden von Wachposten auf Fotoapparate kontrolliert: Nur angucken,

Die Moskauer Metro-Station Kiewskaja: Die Zeichnungen an den Wänden zeigen Szenen aus dem ukrainischen Leben. Die Arkaden des „Kiewer Bahnhofs” sind riesig, wie auch die Mosaike, die die Befreiung Kiews von den Deutschen 1941 darstellen.
Die Moskauer Metro-Station Kiewskaja: Die Zeichnungen an den Wänden zeigen Szenen aus dem ukrainischen Leben. Die Arkaden des „Kiewer Bahnhofs” sind riesig, wie auch die Mosaike, die die Befreiung Kiews von den Deutschen 1941 darstellen.

nicht ablichten. Gleich gegenüber das Kaufhaus Gum – außen altrussische Fassade, innen kapitalistischer als es jedes deutsche Einkaufszentrum sein könnte. Auch hier gilt für die meisten: Nur angucken. Nicht kaufen. Chanel, Prada, Dior – in Moskau zählt nur das Große.

Für das ultimative Symbol der Größe, den Kreml, sollte man sich dann aber Zeit nehmen bis zum Abend. Auf seine Art ist er wie die Moskauer Metro. Mit ihrem Marmor und ihrem Gold, mit ihren Säulen und ihren Fresken sollen beide vor allem eines demonstrieren: Macht.

Mittlerweile ist es dunkel geworden auf dem Roten Platz. Unter dem roten „M”, das den Metro-Eingang markiert, endet das touristische Moskau so abrupt, wie es Stunden zuvor begonnen hat. Die endlos lange Rolltreppe führt wieder nach unten, wo sich die Sprotten gemeinsam in die Linie 2 quetschen. Zurück in Richtung Retschnoj Woksal.