Rote Bohnen für die Götter

Mit stoischer Ruhe pafft der Geschäftsmann eine Zigarre nach der anderen. Der Rauch soll die Verbindung zu den Göttern herstellen. Gleichzeitig bilden die beiden Zigarren jedoch ein Kreuz, ein christliches Symbol.

Chichicastenango, Maya-Zentrum im Hochland von Guatemala.

Die Luft ist stickig, das Gotteshaus ist proppenvoll mit Menschen, Weihrauchschwaden durchziehen das Halbdunkel. Von irgendwo dringt die Stimme eines Priesters durch den Nebel. Santo Tomas, die Kirche von Chichicastenango im Hochland Guatemalas: Vorne katholisch mit Altar, Kreuz und Heiligenbildchen. Hinten ganz und gar nicht christlich: Direkt am Eingang heben sich drei quadratische Steinplatten vom Boden ab, fast vollständig mit brennenden Kerzen und erkaltetem Wachs bedeckt. Daneben kniet ein alter Mann. Wie aus einer Litanei murmelt er Sätze auf Quiché, einer Maya-Sprache. Als wir ihn ansprechen, blickt er zu uns auf. Die Bewohner seines Dorfes hätten ihn geschickt, um den Regengott Chac um Hilfe zu bitten. Seit einem halben Jahr habe es nicht geregnet, die Mais-Ernte sei bedroht. Er wendet sich wieder seinen Kerzen zu, legt Rosenblüten dazu, kippt Wasser darüber.

Vor der Kirche von Santo Tomas in Chichicastenango beginnt der Maya-Markt, während am Hauptportal wie in ältesten Tagen Kopal-Harz verbrannt wird - eine mystische Szene, die die Verknüpfungen zwischen längst versunkenen Traditionen und dem katholischen Glauben erahnen lässt.
Vor der Kirche von Santo Tomas in Chichicastenango beginnt der Maya-Markt, während am Hauptportal wie in ältesten Tagen Kopal-Harz verbrannt wird – eine mystische Szene, die die Verknüpfungen zwischen längst versunkenen Traditionen und dem katholischen Glauben erahnen lässt.

Chichicastenango blickt auf eine lange Geschichte zurück. Hier enstand einst das Popol Vuh, das heilige Buch der Maya, das ein Leben im Einklang mit der Erde predigt. Mittlerweile ist diese Religion verschmolzen mit dem Katholizismus. Die Kirche duldet diesen Synkretismus, die Vermischung religiöser Ideen. Notgedrungen. Anders kann sie die Quiché, Nachfahren der Maya, nicht erreichen. Sie duldet auch, dass im Halbdunkel eines Hinterzimmers von Santo Tomas ein Astrologe Hof hält: Für 150 Quetzales – 1,50 Euro – berechnet Sebastian anhand der Geburtsdaten seiner Kunden die Anzahl ihrer Schutzengel. In einer geheimnisvollen Zeremonie, bei der Bohnenschoten und Spielzeugschlangen aus Gummi zum Einsatz kommen, nimmt er Kontakt zur Unterwelt auf.

Beim Verlassen die Kirche stehen wir wieder inmitten dichter Rauchschwaden. Doch diesmal ist es kein Weihrauch. An den Marktagen wird hier vor dem Hauptportal wie in ältesten Tagen Kopal-Harz verbrannt – eine mystische Szene, die die Verknüpfungen zwischen längst versunkenen Traditionen und dem katholischen Glauben erahnen lässt.

So stellt man sich die Maya und ihre Zeremonien vor. Hochkultiviert müssen sie gewesen sein, ihr Wissen über Astronomie groß. Doch gibt es auch Berichte über Grausamkeiten, Menschenopfer, blutige Rituale. Hinweise allerdings, die sich in den alten Ausgrabungsstätten finden, bedürfen der Interpretation. Und da ist sich die Geschichtsschreibung nicht immer einig. Ein Beispiel: Archäologen haben in Mittelamerika mittlerweile etwa 100 Ballspielplätze ausgegraben, dazu unzählige auf Keramik gemalte Spieldarstellungen. Die Schlussfolgerung: Die Maya spielten Ball. Doch der Ballspielplatz im mexikanischen Chichén Itzá ist riesig, verglichen mit dem handballfeldgroßen Platz in Tikal in der guatemaltekischen Provinz El Petén. Und wo man auch hinkommt, überall erzählen sie eine andere Geschichte über die Regeln des Spiels. Ob der Kautschukball durch Ringe an der Seite des Platzes gespielt werden musste (wie in Chichen Itzá behauptet wird) oder zu irgendeinem Ziel an Ende des Spielfeldes (wie der Fremdenführer in Tikal erklärt). Ob die Verlierer schließlich getötet wurden, weil sie verloren hatten, oder die Gewinner, weil es eine Ehre war, zu sterben. Ob unabhängig vom Ausgang des Spiels vorher festgelegt wurde, wer sterben sollte, oder ob alle am Leben blieben – das erzählt jeder anders, scheinbar so, wie es in die Umgebung passt. Alles eine Frage der Interpretation.

Ruinenstätte von Tikal: Mitten im Regenwald liegen die Tempelpyramiden.
Ruinenstätte von Tikal: Mitten im Regenwald liegen die Tempelpyramiden.

Fast die Hälfte der Guatemalteken sind Nachfahren der verschiedenen Maya-Völker. Chichicastenango, auf 2080 Metern gelegen, ist bis heute eines ihrer Zentren. Zweimal wöchentlich findet hier der größte Maya-Markt des Landes statt. Vor allem Frauen sind es, die dann von allen Seiten zusammenströmen: dicke Packen auf dem Rücken oder auf dem Kopf und mitunter kleine Schweinchen an der Leine. Praktisch alles, was irgendwo in Guatemala produziert wird, findet sich hier im Angebot, vor allem handwerkliche Erzeugnisse wie Webarbeiten, Keramiken und Holzschnitzereien. Fern jeder Marktschreierei werden die Produkte leise, fast flüsternd und mehr mit Gesten als mit Worten angepriesen.

Touristen hin, Kommerz her – „Chichi” hat seine Traditionen bewahrt. Schon in alten Zeiten pflegten die Cakchiquel hier einen ihrer Märkte abzuhalten. Bei kriegerischen Konflikten mit den Quiché verließen sie gegen 1480 den Ort und zogen sich in die Umgebung von Iximché zurück, wo sich noch heute die Ruinen ihrer alten Hauptstadt befinden. Als die spanischen Konquistadoren 1524 nach Mittelamerika kamen und die Einheimischen regelrecht abschlachteten, flüchteten diese erneut ins Hochland und besiedelten die Stelle neu. Heute leben hier vor allem Quiché.

Wir verlassen den Markt und steuern bergab auf den Friedhof zu. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf einen alten Mann: Er stellt sich als Thomas Macario Riceck vor und führt uns in einen Stall, wo er uns etwas zeigen will, das das heutige, vom Christentum geprägte Leben seines Volkes belegen soll. Es sind keine Tiere in diesem Stall. Stattdessen ein blumengeschmückter Altar mit einem Schrein, aus dem eine Holzfigur auf die Besucher hinabblickt. Sie stellt den heiligen Sebastian dar, zu hohen christlichen Feiertagen wird sie in einer Prozession durch die Stadt getragen. Von der Decke hängt ein amerikanisch-kitschiger Plastik-Weihnachtsmann, der scheppernd „Jingle Bells” quäkt und uns daran erinnert, dass die Kirche auch bei uns Kompromisse eingehen musste.

Vorbereitungen für ein Ritual auf dem Friedhof von Chichicastenago: im Vordergrund der Schamane, im Hintergrund der Auftraggeber und zwei gelangweilte Begleiter.
Vorbereitungen für ein Ritual auf dem Friedhof von Chichicastenago: im Vordergrund der Schamane, im Hintergrund der Auftraggeber und zwei gelangweilte Begleiter.

Christentum, kein Zweifel. Aber wie sieht es denn nun mit den blutrünstigen Opferritualen aus, die in so manchem Kinofilm als reißerische Höhepunkte herhalten mussten? Einen Tag zuvor in Tikal hatten verrußte Opfersteine uns vermuten lassen, dass sie noch immer stattfinden. Auch wenn der Fremdenführer erklärt hatte, das sei längst dunkelste Vergangenheit, und die Rinnen an den Opfersteinen seien nicht dazu da, dass Blut abfließen könne. Die Steine seien wohl von der Hitze gesprungen. Riceck holt tief Luft. Was wir da im Hinterzimmer der Kirche gesehen hätten, sagt er, das sei die entschärfte Version ihrer Religion. Santo Tomas sei einst von den Spaniern auf der Plattform eines zerstörten Maya-Tempels gebaut worden und werde bis heute für harmlose Zeremonien benutzt. Die Opferstellen von Tikal dagegen seien tatsächlich noch „in Betrieb”. Bis heute würden Hühner geopfert, und natürlich fließe dabei Blut. Aber nicht die Kirche von Chichicastenango werde dafür benutzt, sondern der Friedhof.

Genau dorthin machen wir uns also auf den Weg – und werden etwas später tatsächlich Zeugen einer solchen Zeremonie. Sie findet in aller Öffentlichkeit statt, niemand scheint sich dafür verstecken zu müssen. Zwischen den Gräbern ist ein Schamane damit beschäftigt, gelbe und weiße Kerzen in einer Feuerstelle zu verteilen, dazu legt er Eier, die die Maya-Götter symbolisieren sollen. Er lässt sich bereitwillig fotografieren, doch lange Erklärungen zu sich und der Religion, für die er steht, will er den europäischen Besuchern nicht geben. Nur so viel: Es handele sich um eine geschäftliche Zeremonie. Sein Auftraggeber, der, umgeben von angerauchten Stumpen, mit stoischer Ruhe eine Zigarre nach der anderen pafft, sei Geschäftsmann. In zwei Tagen habe er eine Besprechung und wolle nun die Götter bitten, dass ihm finanzieller Erfolg beschert werde.

Fast die Hälfte der Guatemalteken sind Nachfahren der verschiedenen Maya-Völker. Chichicastenango, auf 2080 Metern gelegen, ist bis heute eines ihrer Zentren.
Fast die Hälfte der Guatemalteken sind Nachfahren der verschiedenen Maya-Völker. Chichicastenango, auf 2080 Metern gelegen, ist bis heute eines ihrer Zentren.

Der Rauch der Zigarren und des Feuers soll auch hier wie schon zuvor an der Kirche Santo Tomas die Verbindung zu den Göttern herstellen. Über jeder Zigarre, die der namenlose Geschäftsmann pafft, liegt eine zweite. Sie formen ein Kreuz, ein christliches Symbol. Der Schamane zieht einen Zettel aus der Hosentasche und beginnt vorzulesen. Auf Quiché. Schnell, abgehackt, monoton. Er gießt Alkohol ins Feuer. Doch es sind keine Tiere, die hier geopfert werden: Fünf Dosen mit roten Bohnen legt der Schamane ins Feuer und besprenkelt sie immer wieder mit Alkohol. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis uns die mit Blech ummantelten Opfergaben mit einem Höllenknall um die Ohren fliegen. Der Geschäftsmann ist zufrieden. Er stellt das Rauchen ein, bezahlt den Schamanen und macht sich wieder auf den Weg den Berg hinauf. Er müsse in Santo Tomas noch eine Kerze anzünden, sagt er. Synkretismus, oder: Doppelt genäht hält besser.