Das unentdeckte Land

Bambi-Stimmung auf dem Nkalange in Sambia.

Sambia lernt man am besten per Jeep oder zu Fuß kennen – oder indem man stecken bleibt.

Ein verschlafenes Löwenrudel drapiert sich im sinkenden Sonnenlicht vor einer Gruppe lässig abwartender Thornicroft-Giraffen im South Luangwa Nationalpark.
Ein verschlafenes Löwenrudel drapiert sich im sinkenden Sonnenlicht vor einer Gruppe lässig abwartender Thornicroft-Giraffen im South Luangwa Nationalpark.

Wir stecken fest. Bombenfest. Und das ganz kurz vor dem Ziel. Das Ufer lässt sich im abendlichen Zwielicht bereits erahnen, als uns eine Untiefe mitten im Luangwa River den Garaus macht. Vier Menschen auf einem Jeep, ein Jeep auf einem Ponton, ein Ponton auf einer Sandbank. Liebevoll angerichtet hocken wir auf dem schwimmenden Präsentierteller – zum Entzücken von Krokodilen und Flusspferden. Das zumindest suggeriert uns unsere Einbildung, die aus jeder Bewegung des Wassers eine nahende Panzerechse macht. Dabei sind wir diejenigen auf dem Jeep. Deutlich schlechter dran sind die einheimischen Bootsführer. Fünf Männer stehen hüfthoch im Luangwa und buddeln mit bloßen Händen im braunen Schlamm, um den Ponton freizulegen. Ohne Erfolg. Hier geht gar nichts. Und dabei hatte alles so schön angefangen.

Zwei Tage zuvor: Von Johannesburg brechen wir zu unserer Reise in den South Luangwa Nationalpark in Sambia auf. In Mfuwe angekommen, geht es quer durchs Land bis zum Nkwali Camp von Robin und Jo Pope, unseren Gastgebern. Er: aufgewachsen in Sambia, ein Visionär, der niemals ohne Fernglas anzutreffen ist. Sie: die Kraft hinter allem, ein Macher im positiven Sinne. „Muli bwanji” – Hallo, wie geht es? – ruft man uns auf Nyanja zu, reicht uns feuchtwarme Handtücher und nasskalte Drinks und erklärt: „Wir brechen gleich zu einer ersten Pirschfahrt auf.” „Dzikomo” – danke – können wir gerade noch stottern, und schon zockeln wir mit unserem Guide Paul und dem bewaffneten Scout Ackim auf einem Jeep durch den Nationalpark.

Luangwa: 9050 Quadratkilometer Buschlandschaft. Heimat der seltenen Thornicroft-Giraffe, des Crawshay’s Zebras, von Kudus, Büffeln, Pavianen, aber auch Hyänen, Löwen, Leoparden, Elefanten, Flusspferden, Puku-Antilopen, Streifenschakalen, Krokodilen – und Nashörnern würde man gerne vervollständigen, doch damit ist es längst vorbei. Das letzte Spitzmaulnashorn wurde 1991 gesichtet. Nur neun Jahre hatten die Wilderer gebraucht, um 15.000 Tiere abzuschlachten. Und während uns Paul diese traurigen Fakten noch zuflüstert, drapiert sich ein verschlafenes Löwenrudel im sinkenden Sonnenlicht vor einer Gruppe lässiger Giraffen und lässt das hektische Klacken unserer Kameras mit stoischer Ruhe über sich ergehen.

Und jetzt das. Der blöde Ponton steckt fest. Wir kommen nicht über den Fluss; nicht zurück ins Camp. Dabei geben die Männer alles. Uns jedoch bleibt nicht viel mehr, als verschämt die Spots zu halten. Wo Licht ist, sieht man die Krokodile wenigstens. Nicht auszudenken, was geschehen könnte, wenn wir den Luangwa im Dunkeln durchwaten müssten. Schließlich versuchen wir eine andere Taktik: Zwei Männer bleiben im Fluss. Alle anderen sammeln sich an einer Ecke des Pontons und wippen. Und tatsächlich: Wir kommen frei.

Beim Essen im Camp macht unser Bootsunfall schnell die Runde. Hier, am Lagerfeuer, wo allabendlich die Gäste ihre Erlebnisse zum Besten geben, wo „mein Löwe aber größer”, „mein Leopard aber gefährlicher”, „mein Guide aber besser” ist, wird laut gelacht über das, was passiert ist. „Leute”, murmelt einer, „da werdet ihr noch ganz andere Sachen erleben. Fahrt ihr nicht morgen ins Buschcamp?” Tun wir. Doch erstmal müssen wir hin. In aller Frühe heißt es also wieder: rauf auf den Jeep – und los.

Nach gut zwei Stunden Fahrt durchs Nirgendwo erreichen wir den Nsefu-Sektor auf der anderen Seite des Luangwa. Die einzigen Fixpunkte auf der Karte sind die Camps Tena Tena und Nsefu. Wir stecken irgendwo dazwischen. Die Britin Deb Tittle hat unser Camp unter einem alten Tamarindenbaum aufschlagen lassen: Drei größere Zelte für uns, sechs kleinere für die Mannschaft, ein Loch im Boden dient als Toilette, ein Wassersack im Baum als Dusche. „Ambuya” – Großmutter – wird Deb von ihrem Team genannt. Ehrerbietung der Männer für eine Frau, die sich verdammt gut auskennt im Busch. Und wieder: feuchte Handtücher, kühle Drinks – und dann? Kein Jeep. Zu Fuß machen wir uns auf, „einen ganz besonderen Platz zu entdecken”.

Einige Stunden später sind wir dank Deb und ihrem Scout Gilbert in der Lage, Hyänen- von Löwenspuren zu unterscheiden, zu erkennen, an welchen Bäumen sich Elefanten kratzen oder dass dort vor uns, „dritter Ast von oben, ein bisschen weiter links”, tatsächlich ein Adler hockt. Der besondere Platz schließlich kündigt sich durch unbeschreiblich lautes Geschnatter und einen Flusspferd-Schädel an: die größte Kolonie an Nimmersatten im südlichen Afrika. Rund 500 Paare versorgen dort ihre Jungen – und werden von auffällig unaufdringlichen Marabus beäugt, die im besten Fall auf tote Jungtiere hoffen. Wir staunen, fotografieren und bemerken plötzlich einen Wagen hinter uns. „Ihr glaubt doch wohl nicht, dass wir in der Dämmerung zurücklaufen”, grinst Deb. „Hier kann hinter jedem Busch ein Tier hocken.”

Mugabe mag keine Journalisten.
Mugabe mag keine Journalisten.

Alles, wird sie uns später beim Essen berichten, sei ihr zwischen den Zelten schon begegnet. Löwen ebenso wie Zebras, Elefanten, Giraffen oder Stachelschweine. „Einmal sogar ein Leopard.” Leise verglüht ein Grashüpfer an einer Petroleumlampe. Leoparden. Jetzt? Hier? Wo bitte ist eigentlich unser Scout? Doch der Mann am Gewehr hat gerade ganz andere Sorgen. Eine abenteuerlich verlängerte Antenne schlängelt sich aus Gilberts Zelt. Auf dem Weg zum Buschklo höre ich verhaltene Flüche: Sambias Fußballer liegen 0:1 gegen Tschad zurück. Es gibt Zeiten, da spielen Leoparden einfach keine Rolle.

5 Uhr. Aufstehen. Die Nacht war ruhig. Tschad und Sambia haben sich unentschieden getrennt, und wider Erwarten wurden wir weder gefressen oder niedergetrampelt noch von Insekten malträtiert. Der strenge Geruch nach Katzenklo jedoch lässt vermuten, dass der kleine braune Haufen neben meiner Zeltstange nur die Spitze des Eisberges ist. Spuren einer Ginsterkatze? „Pssst.” Bitte? „Pssst.” Deb winkt mich vorsichtig zur Tamarinde. Eine Gruppe Elenantilopen prüft in einiger Entfernung die Ebene – eine Seltenheit im Nsefu-Sektor. Deb reicht mir ihr Fernglas und ein Stück Toast: „In zehn Minuten marschieren wir los.”

Wir sind noch nicht weit gelaufen, als das vorsichtige Lauschen mehrerer Pukus Gilberts Aufmerksamkeit erregt. Wenig später wissen wir, was die Tiere beunruhigt: Zwei männliche Ellipsenwasserböcke preschen durch die Ebene – der ältere dem jüngeren dicht auf den Fersen. Der junge Bulle stürzt und bleibt in einem Wasserloch liegen. Zweimal versucht das Tier aufzustehen – zweimal treibt ihn der Ältere mit brutaler Wucht zurück. „Das Überleben des Stärkeren ist nicht immer eine schöne Sache”, murmelt Deb. Doch noch ist es nicht vorbei. Eine halbe Stunde lang stiert der Alte auf den Jungbullen; geht einige Schritte zurück, stoppt, kehrt zurück, starrt. Der andere rührt sich nicht. Schließlich zieht der alte Bulle ab. Langsam schleichen wir näher – und jäh rappelt sich das Jungtier auf und stolpert ins Dickicht. Geschwächt, aber unverletzt. Deb lächelt.

Hyänenspuren werden wir wenig später finden. Daneben erbrochene Haarballen, die auf ein üppiges Mahl schließen lassen. Irgendwann riecht es nach Tod, nach Kater und Urin, doch die Löwen, die Deb in der Nähe vermutet, finden wir nicht. Kurz vor dem Tena Tena Camp schließlich zwingt uns ein junger Elefantenbulle hinter einen Baum – „nur zur Vorsicht”, mahnt Gilbert, „bis er vorbei ist”. Und dann geht plötzlich alles ganz schnell: herrschaftliche Zelte, ein Esstisch im Freien, eine Bar. Die Zivilisation hat uns zurück. „Muli bwanji” ruft man uns entgegen, reicht uns Handtücher und einen Drink, Deb winkt ein letztes Mal – und schon sitzen wir wieder auf einem Jeep.

Zwei Stunden später. Beinahe taub von den Propellern des Flugzeugs kommen wir am Lower Zambesi an. Unsere letzte Station wird das Chongwe River Haus sein. Ein Palast am Ufer des Chongwe, der westlichen Grenze des 4092 Quadratkilometer großen Lower Zambezi Nationalparks. Garth Hovell (Typ: junger Mel Gibson -„Hi, Guys, seid ihr bereit für einen Ort jenseits des Himmels?”) begleitet uns auf unserer letzten Pirschfahrt. Im Kanu. Erst auf dem Chongwe, dann auf dem Sambesi. Und dort erwartet uns vor allem – Stille. Außer dem sachten Eintauchen unserer Paddel ist kaum ein Geräusch zu vernehmen. Die Situation erscheint beinahe unwirklich: Das Wasser, die Berge, die Akazien. Immer wieder treten mannshohe Kudus und die allgegenwärtigen Pukus ans Wasser.

Krokodile beäugen die Boote von ihren Sandbänken aus, schillernde Vögel begleiten uns bis in einen Seitenkanal des Sambesi, den Nkalange Channel. Die Sonne tröpfelt Orange ins Blau, Wasserböcke grasen am Ufer. . . Bambi-Stimmung. „Yeah, Baby”, brüllt Garth plötzlich – und unser Kanu gerät schwer ins Wanken. Ein Krokodil hat aus dem Wasser heraus nach einem Paddel geschnappt. Garth ist begeistert: „Ein dicker Brocken, fantastisch. Und seht mal da rüber. Noch ein Prachtstück.” Wir folgen seinem Fingerzeig: Ein Goliathreiher steigt – einen Fisch im Schnabel – in den Himmel auf. Versonnen blicken wir ihm hinterher, als eine pfeilschnelle Bewegung von rechts die Idylle stört. Der Reiher wird schneller. Der angreifende Fischadler auch. Bäume versperren uns die Sicht, doch wilde Schreie lassen uns nicht länger im Unklaren: Fisch und Reiher haben es hinter sich.

Eine Grüne Meerkatze (Vervet Monkey) beim Philosophieren.
Eine Grüne Meerkatze (Vervet Monkey) beim Philosophieren.

Garth setzt zu einem Kommentar an, schluckt seine philosophischen Betrachtungen jedoch im Ansatz ’runter: Vor uns liegen drei Flusspferde im Wasser. Mit kleinen Knopfaugen blicken sie uns an. Garth dreht das Kanu. „Mit der Spitze auf die Tiere zuzusteuern, wäre zu aggressiv. Wir zeigen unsere Flanke – und bitten so um die Erlaubnis, vorbei zu dürfen.” Schön und gut. Doch wie geben Flusspferde eine Durchfahrtserlaubnis? Indem sie abtauchen und zur Seite ausweichen. Wir tasten uns vorwärts – und tatsächlich: Wir können ungehindert passieren. Puh. Das hätten wir.

„Oh, oh”, murmelt Garth. Was jetzt? Wieder blicken uns Knopfaugen an. Und diesmal scheint Garth zu wissen, was uns erwartet. „Wir nennen dieses Flusspferd Robert Gabriel Mugabe.” Bitte? „Nun, er mag uns nicht und wir mögen ihn nicht.” Und Journalisten mag Mugabe offenbar ganz und gar nicht. Wild schmeißt er sich ins Wasser, brüllt, uriniert in unsere Richtung, kurzum: Er lässt den Macho raushängen. Es braucht eine Viertelstunde, bis Mugabe plötzlich seine Taktik ändert, abtaucht und uns vermeintlich den Weg frei gibt. Doch statt seitlich auszuweichen, taucht der massige Bulle an gleicher Stelle wieder auf – und kehrt augenblicklich zur offenen Aggression zurück. Nach gut 40 Minuten geben wir auf. Mühsam paddeln wir seitwärts bis zu einer Sandbank. Der per Funk instruierte Fahrer wartet bereits.
Und da stehen wir nun: Fünf Menschen an einem Jeep, zwei Kanus auf einer Sandbank, ein Hippo namens Mugabe im Nkalange Channel. Und trotz unserer Niederlage sind wir stolz. Und wissen: ein stecken gebliebener Ponton? Pah, eine Kleinigkeit.