Gesprengte Träume

Ein Modell im Besucherzentrum zeigt, wie die Statue einst aussehen soll: ein stolzer Häuptling zu Pferde, der mahnend nach Osten zeigt.

In den Black Hills von South Dakota gedenken das „Mount Rushmore National Memorial“ und das „Crazy Horse Memorial“ der Helden zweier Welten – der des weißen und der des roten Mannes. Umstritten sind beide Monumente.
„Korczak hat uns gezeigt, wozu ein Mensch fähig ist, wenn er nur an sich und an seine Visionen glaubt.“ Ruth Ziolkowski ist eine kleine, 84-jährige Frau mit müden Gliedern und wachen Augen.

Das Gesicht konnte 1998 enthüllt werden - zum 50. Jahrestag des Baubeginns.
Das Gesicht konnte 1998 enthüllt werden – zum 50. Jahrestag des Baubeginns.

Wenn sie spricht, dann tut sie dies stets leise, aber gelassen und selbstsicher. Und wenn sie erzählt, dann erzählt sie stets eine einzige Geschichte: die ihres Mannes Korczak, dem Schöpfer des „Crazy Horse Memorial“, dessen Leben bis zur letzten Minute von zwei Dingen bestimmt wurde – „dynamite and dreams“, von Sprengstoff und Träumen. „Du musst am Berg weitermachen, aber mache es langsam, damit alles richtig wird“, lauteten seine letzten Worte. Und sie hat sie befolgt; tut es immer noch. Tag für Tag. Seit 28 Jahren.
Der Berg, Korczaks Berg, ist einer von vielen in der Kette der Black Hills, der „Schwarzen Hügel“, die von South Dakota bis nach Wyoming reichen. Heiliges Land. Land, dem die Lakota-Indianer, ein Volk der Sioux, den Namen „Pahá Sápa“ gegeben haben, das „Herz von allem, was ist“. Hier ist ihr spirituelles Zentrum, hier lebt der Große Geist, hier erfahren Lakota-Krieger ihre Visionen. Und dass Korczak Ziolkowski genau hier 1948 mit seiner Arbeit an der „größten Skulptur der Welt“ begann, empört viele von ihnen bis heute. „Doch sie waren es, die diesen Ort gewählt haben, nicht wir“, sagt Ruth. Und meint die „Native Americans“, die sie aus harmloser Gewohnheit nach wie vor „Indianer“ nennt.
Es war 1939, als Korczak Ziolkowski jenen bedeutungsschweren Brief erhalten sollte, durch den sich sein Leben komplett veränderte. Die Absender: mehrere Lakota um Häuptling Henry Standing Bear. Ihr Anliegen: Der polnischstämmige Künstler soll ein Monument für den Lakota-Häuptling Crazy Horse erschaffen; immerhin habe „der rote Mann genauso große Helden wie der weiße“. Ziolkowski soll das Denkmal dem Granitfels der Black Hills abtrotzen.
Man könnte es „Monumentalkunst in Vollendung“ nennen, was Henry Standing Bear da Ende der 1930-er Jahre so vorschwebte. Doch für das so genannte „Mountain carving“, was sich frei mit „Bergschnitzen“ übersetzen ließe, hatte der Lakota-Chief damals schon ein ganz konkretes Beispiel vor Augen: Seit 1927

Experten rechnen noch mit mindestens einem Jahrhundert Bauzeit am Crazy Horse Memorial, das in South Dakota mitten in den Black Hills entsteht. Baubeginn war 1948.
Experten rechnen noch mit mindestens einem Jahrhundert Bauzeit am Crazy Horse Memorial, das in South Dakota mitten in den Black Hills entsteht. Baubeginn war 1948.

arbeitete der Bildhauer Gutzon Borglum in den Black Hills am „Mount Rushmore National Memorial“. Mit Hammer, Meißel und fein dosierten Dynamitladungen sprengte er in der Nähe von Rapid City nach und nach die Köpfe George Washingtons, Thomas Jeffersons, Theodore Roosevelts und Abraham Lincolns aus dem höchsten Berg der Gegend. 150 Jahre amerikanische Geschichte auf einer Fläche von heute gut 5,2 Quadratkilometern – in Stein gemeißelter Patriotismus. Eine Vision, für die Borglum gut zwei Millionen Tonnen Gestein abtragen ließ. Der Granit der Black Hills erwies sich dabei als das perfekte Material, um des Künstlers Traum von einem Denkmal „so großartig wie Amerika selbst“ wahr werden zu lassen; denn das Gestein verwittert mit nur zweieinhalb Zentimetern alle zehntausend Jahre. Und so hämmerte Borglum die fundamentalen amerikanischen Werte quasi für die Ewigkeit in den Stein, schuf einen alles überdauernden „Schrein der Demokratie“: Washington steht für Freiheit, Jefferson für Demokratie, Roosevelt für Mut und Lincoln für Einheit.
Bis 1941 schufteten bis zu 400 Arbeiter gleichzeitig am Mount Rushmore. Darunter 1939 auch der damals 31-jährige Künstler Korczak Ziolkowski. Die Erfüllung eines „Jugendtraums“, sagt seine Witwe, dem neun Jahre später die Umsetzung einer ganz eigenen Vision folgen sollte – ebenfalls mitten in den Black Hills, nur gut 13 Kilometer von den Präsidenten entfernt: das „Crazy Horse Memorial“. Ein Denkmal, gegen das sich Borglums Kolossalporträts mit je gut 20 Metern Höhe wie Winzlinge ausnehmen sollten: ein stolzer Häuptling zu Pferde, 170 Meter hoch und 195 Meter lang, den linken Arm mahnend nach Osten ausgestreckt. Dorthin, sagt Ruth, „wo sein Land ist und wo seine Toten begraben liegen“. Irgendwo gen Wounded Knee. Dorthin, wo das Herz des Häuptlings bestattet worden war, nachdem man ihn 1877 erstochen hatte. Dorthin, wo drei Jahre nach dem Tod des berühmten Kriegers an die 200 Lakota – Männer, Frauen und Kinder – von der US-Armee abgeschlachtet wurden. „Es gibt keinen besseren Ort“, versichert Ruth, um gleich danach einzuräumen, dass Korczak selbst zunächst einen Platz bei Wyoming vorgeschlagen hatte, da ihm der Fels dort für das Vorhaben geeigneter schien. „Henry Standing Bear jedoch war von diesem Berg hier nicht abzubringen.“
Doch auch nach 62 Jahren Bauzeit und rund zehn Millionen Tonnen weg gesprengtem Granit schält sich das „Crazy Horse Memorial“ bislang nur bruchstückhaft aus dem Gestein: Pferd und Arm lassen sich lediglich erahnen; zumindest das Gesicht, ganze 27 Meter hoch, konnte 1998 pünktlich zum 50. Jahrestag des Baubeginns enthüllt werden. Henry Standing Bear war zu diesem Zeitpunkt bereits seit 45 Jahren tot; Korczak seit 16. Ruth und sieben der zehn Kinder allerdings leben seine Vision mit stoischer Konsequenz weiter. Den Hinweis darauf, dass sich Crazy Horse

Ruth Ziolkowski setzt die Arbeit ihres Mannes Korczak unbeirrt fort: "Es ist nicht wichtig, wann es fertig wird; nur dass es richtig gemacht wird."
Ruth Ziolkowski setzt die Arbeit ihres Mannes Korczak unbeirrt fort: „Es ist nicht wichtig, wann es fertig wird; nur dass es richtig gemacht wird.“

zeitlebens nie habe fotografieren lassen, dass man also nicht einmal wisse, wie er aussehe, quittiert die kleine Frau mit einem schmalen Lächeln – und dem Hinweis, dass das Kunstwerk den „Geist des Kriegers“ einfange. Die Vollendung des Monumentes tatsächlich erleben dürften jedoch weder sie noch eines ihrer Kinder: Vorsichtige Schätzungen gehen von mindestens noch einem Jahrhundert Arbeitszeit aus. Und auch von den übrigen Plänen Ziolkowskis, der von einer Universität und einer Klinik für Indianer, einem Museum und einen Flughafen an Ort und Stelle träumte, ließ sich bislang nur ein Teil umsetzen: das Indianermuseum, ein Kulturzentrum, in dem vor allem die indianischen Sprachen gefördert werden sollen, sowie ein Besucherzentrum mit Restaurant und Shop – schließlich finanziert sich das Projekt seit Anbeginn allein aus Spenden.

Ironischerweise stehen jedoch gerade viele Native Americans dem Denkmal ausgesprochen kritisch gegenüber. Lakota-Held hin oder her. „Ich bin sehr zwiegespalten, was dieses Monument angeht“, sagt etwa Daryl „KC“ Russell, ein Lakota vom Stamm der Lower Brule Sioux und Direktor der „Indianischen Gesundheits-Initiative“ im Büro von Gouverneur Mike Rounds. KC wuchs mit neun Geschwistern im Reservat bei seinen Großeltern auf, war drei als seine Mutter ging, fünf als sein Vater in einem Kampf starb. Er besuchte das College, „machte dieses Vietnam-Ding“ und engagiert sich seither vor allem politisch für sein Volk. „Sicherlich lenkt das Denkmal den Blick auf die Probleme der indianischen Bevölkerung. Auf das Elend in den Reservaten. Auf Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Alkohol- und Drogenprobleme, auf die fehlende Identität, mit der gerade unsere Jugendlichen zu kämpfen haben.“ Andererseits wiege ein anderes Argument ungleich schwerer – und das betrifft nicht allein das „Crazy Horse Memorial“, sondern auch Borglums Lebenswerk am Mount Rushmore: die Entweihung der Black Hills. „Dies alles ist heiliger Boden; Land, das meinem Volk gehört, das man uns genommen hat und das wir zurück wollen.“

Fakt ist: Durch den Vertrag von Fort Laramie wurde das Gebiet 1868 den Sioux-Stämmen als „Indianergebiet“ zugesprochen. Bis man dort Gold fand – und die Indianer wieder loswerden wollte. Es folgten: die gewaltsame Zerschlagung der Reservate, der Entzug des Landes, das Massaker am Wounded Knee und schließlich die endgültige Kapitulation und gnadenlose Umerziehung des roten Mannes. Oder anders: grenzenloses Leid, Tod und Vertreibung.

Das Mount Rushmore National Memorial in den Black Hills von South Dakota ist auch als "Schrein der Demokratie" bekannt geworden. Von links nach rechts: Washington, Jefferson, Rosevelt und Lincoln.
Das „Mount Rushmore National Memorial“ in den Black Hills von South Dakota ist auch als „Schrein der Demokratie“ bekannt geworden. Von links nach rechts: Washington, Jefferson, Rosevelt und Lincoln.

1921 strengten die Lakota einen Gerichtsprozess um die Black Hills an, der bis heute andauert. Mit rund 900 Millionen Dollar inklusive Zinsen will die US-Regierung die Landenteignung von damals mittlerweile „vergüten“. Doch ein Großteil der Lakota lehnt Entschädigungszahlungen strikt ab – trotz der Tatsache, dass die meisten Reservate der USA nach wie vor als Armuts-Enklaven gelten. Ghettos, in denen sich die meisten Lebensträume schon längst zerschlagen haben. Doch: „Die Berge verkaufen? Niemals! Es geht nicht um Geld. Es geht um unsere Rechte. Unsere Geschichte, unsere Tradition, unsere Anerkennung. Wir wollen das Land zurück, das uns gehört.“ Das, sagt KC, sei der eigentliche Traum seines Volkes. Und der sei ebenso fest in Stein gemeißelt, wie jene zwei Monumente mitten in den heiligen Black Hills, die dort eigentlich gar nicht hingehörten. Ganz egal, wem sie gewidmet seien.

Anmerkung: Ruth Ziolkowski starb am 21. Mai 2014.