Die weißen Riesen

Schnurgerade zieht sich die Straße. Schnurgerade. Wohin eigentlich? Route 16 in der kanadischen Provinz Manitoba soll uns von der Hauptstadt Winnipeg aus ins südwestliche Wasagaming bringen. Irgendwann, in etwa zwei, drei Stunden. Das Ziel: der Riding Mountain National Park.

Bären hat man uns versprochen, Elche, unberührte Natur. Von den Betonstraßen Kanadas durchgerüttelt wie Kartoffeln auf dem Sortierband können wir uns ein “Wann-sind-wir-endlich-daha?” kaum verkneifen. Riding Mountain. 265 Kilometer trennen uns vom Park. Schnurgerade zieht die Straße vorbei an grauen Getreidesilos, grünen Feldern und ehemals weißen Häusern, scheinbar ausgestorben. Menschen machen sich rar in Manitoba.

Schnurgeradeaus geht es immer weiter. Kirchen werben am Straßenrand mit einem kostenlosen Essen um Gläubige und tun es so den Bars gleich, die mit einem kostenlosen Drink um IMG_3134Truckfahrer buhlen. Wir bremsen für eine Ente, umfahren ein Stachelschwein und folgen der Route 16 – “Yellowhead” genannt, nach einem blonden Franzosen, der einst einen Handelsweg durchs Gebirge suchte.

Vor einer Ewigkeit haben wir Winnipeg, die Hauptstadt Manitobas verlassen. Winnipeg, ein Ausdruck der Cree-Indianer, steht für “Muddy Waters”, meint jedoch nicht den Bluessänger, sondern beschreibt jene zwei Flüsse, die sich bei “The Forks” vereinen: Assiniboine und Red River, schlammige Wasser. Auch Manitoba ist Cree und lässt sich mit “großer Geist”, übersetzen. Ein großer Geist in einem menschenleeren Land. 647 797 Quadratkilometer unendliche Weite müssten den 1,12 Millionen Einwohnern der Provinz eigentlich mehr als Platz genug bieten. Stattdessen drängeln sich allein 671 300 Menschen in der Hauptstadt. Der Rest verliert sich im Süden der Provinz in einem Meer aus Gras, aus Feldern und Weiden, gen Norden dann in einer Ewigkeit aus Tümpeln und schließlich in der Leere der subarktischen Tundra.
IMG_2631Back on the road. Ein Schild vor einem Imbiss verkündet: “Last spot before the elk.” Letzter Stopp vor dem Rothirsch. Wir sind da. 2978 Quadratkilometer Natur. Für uns allein – und Horden von Moskitos. Wir sind auf der Suche nach den fantastischen Fünf: Schwarzbären, Bisons, Wölfen, Elchen und Bibern.

Sechs Uhr früh: Ian Thorleifson leitet unsere Wanderung durch den Park. Wir wollen zumindest einen kleinen Blick erhaschen auf 2000 Rothirsche, unzählige Elche, 70 bis 80 Wölfe, Koyoten, ein paar Pumas, Bisons und Schwarzbären. Wie viele Bären? “Ein paar tausend”, meint Ian und zuckt mit den Schultern. Einer mehr, einer weniger, Hauptsache, sie sind da. “Ach ja, wenn du einen triffst, dann mach’ am besten Krach, dann hast du vielleicht Glück.” Ian grinst.

Filmreife Nebelschwaden ziehen über den Clear Lake, von irgendwo her tönt der Schrei eines Prachttauchers. Wolfsähnlich. So gar nicht Vogel. “Der Gesang des Loon”, sagt Ian, “so klingt Kanada”. Ein Elch stolziert aus dem Dickicht. Schaut zu uns herüber und blickt in die Kameras. Hinter ihm der Nebel, wieder ein Vogelschrei. Menschen sind hier nur noch Zaungäste. Nicht jedes Tier auf unserer Liste werden wir in unserer Zeit in Riding Mountain zu sehen bekommen. Rothirsche jedoch, Bisons, Wölfe kreuzen unseren Weg. Oder wir den ihren. Verborgen bleiben uns Biber und Schwarzbären.

Weiter oben im Norden wollen wir unser Glück erneut auf die Probe stellen. In Churchill, einem 2000-Seelen-Nest an der Hudson Bay. Eisbär-Hauptstadt der Welt, 36 Stunden Zugfahrt entfernt. Wir nehmen das Flugzeug.huskie

In Churchill klammern sich Häuser in abblätternden Farben an die Bay, auf der letzte Eisberge dem anstehenden Sommer trotzen. 14 Straßen durchziehen den Ort, zehn Minuten Fahrt in jede Richtung. Einen Stau hat die Main Street noch nie gesehen. Das kanadische Ahornblatt flattert im Wind. In Eintracht mit Europa und dem bayerischen Blau-Weiß. Das Polar Cinema zeigt “Madagaskar”, und auf Channel 16 gratuliert die Familie Charly zum Geburtstag. Der Bingo-Jackpott, das weiß man, beläuft sich mittlerweile auf 1300 Dollar; der Arzt kommt nächste Woche.

Vor die Stadt verbannt wurden Forscher und Hunde. Die einen haben die ehemaligen Anlagen der US-Army in Besitz genommen, die anderen werden in Hütten in Dog City gehalten. Zwei Tiere hat ihr Besitzer, der in der sicheren Stadt wohnt, im vergangenen Jahr an Eisbären verloren, sechs an die Wölfe.
IMG_2654Mit der Sicherheit ist das so eine Sache in Churchill. Immerhin: Man hat drei Polizisten und zwei Gefängnisse. Eines davon für Eisbären. “Und die”, meint Führer Paul Ratson, “sollte man besser nicht verwechseln.” Von Oktober bis Anfang November zieht es die Bären zurück an Churchills Küste. Nach einem Sommer beinahe ohne Nahrung im Inneren des Landes.

Etwa 1300 Bären warten Jahr für Jahr auf die Rückkehr des Packeises – und auf die Seehunde, die sie bis Ende Juni auf der zugefrorenen Bay jagen. Die Zeit des Hungerns allerdings wird zusehends länger – Auswirkungen, der weltweiten Klima-Veränderungen. Es wird wärmer in Churchill, das Eis schmilzt schneller, die Tiere müssen ihre Jagd Wochen früher beenden. Und können weniger Reserven sammeln. Hungrige Bären sind gefährlich. Ohne Waffe geht hier niemand vor die Tür. Eine Sirene mahnt die Kinder abends um zehn, den Heimweg anzutreten. Bären, die sich der Stadt nähern, werden gefangen und mit dem Helikopter in sicheres Gebiet ausgeflogen. Und doch sucht der Mensch ihre Nähe. In massigen Tundra-Buggies – sicher wie eine Festung – geht es raus in die Weite. Doch noch ist die Zeit der Bären nicht gekommen. Unsere Suche bleibt erfolglos. “Nächstes Mal”, versprechen und Lynda und Merv von “Frontiers North”. Denn: “Die Bären kommen immer.”

Die Eisbär-Hauptstadt der Welt – im Sommer gehört sie anderen Säugetieren. Etwa 3000 Beluga-Wale zieht es jährlich aus der kalten Hudson Bay in die wärmere Flussmündung des Churchill River. So viel wie nirgendwo sonst auf der Welt. Sie zu finden, ist unser letztes Ziel auf dieser Reise.

In Taucheranzug und Kajak geht es am frühen Morgen raus auf den Fluss. In wenigen Minuten sind die kleinen Boote umzingelt von Weißwalen – die größten rund sieben Meter lang, graue Jungtiere an ihrer Seite. Einige nähern sich neugierig den Kajaks, blubberndes Wasser kündet von weiteren direkt unter dem Boot. Wie weiße Gespenster zeichnen sich die Körper der Belugas unter der Wasserlinie ab. Und einen Herzschlag lang blickt man ihnen vielleicht direkt in die Augen.