Cola für die Götter

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Götter brauchen Blut zum Leben – doch in Mexiko gehen die Nachfahren der Maya durchaus mit der Zeit.

Steil und smaragdgrün ragen die Berge in die Wolken. Winzige Äcker und kleine Plantagen mit Kaffee, Kakao, Tabak, Mais, Bananen und Bohnen durchbrechen den dichten Kiefernwald. Wir fahren durch Chiapas, den südlichsten Staat Mexikos: Land der Maya, zu denen mehr als ein Drittel der Bevölkerung des Bundesstaates zählt; Land der Tzotzil, Tzeltal, Chol, Mam und Tojolabal.

Hühner, Hunde und Ziegen durchstöbern wilde Müllhalden, in Sträuchern und Bäumen hängen verwehte Plastiktüten wie blaue Früchte, aufgeregte Kinder winken grinsend unserem Reisebus, der sich langsam die Panamericana hinaufschraubt. Wir starren abwechselnd auf die angstvollen Minen von Rindern oder in die stummen, ausdruckslosen Gesichter müder Arbeiter, die auf den offenen Ladeflächen der Pick-ups vor uns hocken. „Christus lebt“, prangt in Großbuchstaben auf einem der Spoiler. Seine Schäflein hausen in Holzhütten, die sich nur mühsam an den heißen Asphalt drücken. Bretterbuden, gestützt nur von Coca-Cola-Werbetafeln.

Chiapas ist reich. Zumindest unter der Oberfläche, wo Öl-, Uran-, Metallreserven schlummern. Doch die Bauern kennen meist weder Schulen noch Hospitäler; ihre Häuser wissen nichts von elektrischem Licht, und die Toiletten hat ihnen der Staat gebaut. Nur mit dem Leeren der Plumpsklos kommt man nicht nach. Doch für die Maya besitzt dieses Land seit jeher eine Seele, ist jeder Vulkan eine Kultstätte, jeder Platz unverzichtbarer Teil des großen Ganzen. Und mitten in einem der letzten und größten Regenwälder der Region, auf einer Terrasse mit Blick über den Rio Usumacinta schlägt sich diese Ehrerbietung in ausgesuchtem Kalkstein und Stuckarbeiten nieder. Palenque. Die vielleicht eleganteste Zeremonialstätte der Maya, deren Anfänge bis in die Zeit um 300 v. Chr. zurückreichen und der jährlich etwa eine halbe Million Besucher Aufmerksamkeit zollen.

Die wenigen Touristen an diesem frühen Morgen verlieren sich auf dem acht Quadratkilometer großen Gelände zwischen Königspalast und Kreuztempel. Und wäre da nicht das Zirren der Zikaden und das Lärmen der Brüllaffen, man würde die Gegenwart vergessen, während man die Gebäude durchwandert. Ein jedes perfekt nach dem Licht ausgerichtet. Und nach dem Wind, der wie gewollt unsere verschwitzten Gesichter streift. So wie einst vielleicht Gesicht und markante Nase des Herrschers Pakal, der, sagt Reiseführer Dr. Mathias Clasen, „eine längere Amtszeit hatte als Bismarck und Kohl“ und dessen Alter um die 80 gelegen haben muss – „man weiß, dass er Rückenschmerzen hatte.“

Und man weiß, wie er aussah, jener berühmte Herrscher über Palenque. Weiß es, seit der Archäologe Alberto Ruz Lhuillier 1952 im Templo de las Inscripciones, im Tempel der Inschriften, 60 schmale Stufen zu einer Krypta hinabstieg, wo er unter einer fünf Tonnen schweren Kalksteinplatte den Sarkophag des Priester-Königs fand. Touristen jedoch ist es nicht mehr gestattet, den Tempel mit seinen 620 Glyphen zu betreten. Zu zerbrechlich ist die 20 Meter hohe Stufenpyramide, deren neun Plateaus den Ebenen der Unterwelt entsprechen.

IMG_4867Noch vor einigen Jahrzehnten galten die Maya als sanfte Sternengucker. Sie errechneten exakte Kalender und wussten ihre Kultanlagen so perfekt nach den Gestirnen auszurichten, das selbst die NASA fasziniert auf die alten Aufzeichnungen zurückgreift. Doch längst hat man das Bild revidiert: Die Maya, das ist belegt, lebten den Krieg. Der Adel hielt sich Sklaven, Gefangene wurden brutal geopfert, ebenso Kinder. Götter brauchen Blut zum Leben. Oder Coca-Cola. Denn die Nachfahren der alten Maya gehen mit der Zeit – auch beim Tauschhandel mit der Allmacht.

In San Juan Chamula, dem politischen und religiösen Zentrum der Tzotzil unweit von San Cristóbal, feiern die Menschen das Fest des Heiligen Mateo. San Juan Chamula zählt zu den wohlhabenderen Gemeinden in Los Altos, dem Hochland von Chiapas. Die Männer tragen die traditionellen Ponchos aus grober Wolle, die Frauen raue Wickelröcke, weiße Blusen, blaue Tücher.

Man lebt und feiert nach den Gesetzen der Vorfahren – mit allen Annehmlichkeiten der Gegenwart. Fremden gegenüber gibt man sich reserviert; gerade an Festtagen, die mit Pulque, sehr viel Pulque, vergorenem Agavensaft, begangen werden. Mit eindeutigen Gesten erklärt uns einer der Dorfältesten, den wir um Einlass in die Kirche bitten, die Regeln: Gucken, gerne. Fotografieren, mitschreiben – er lässt effektvoll seinen mächtigen Stock in die geöffnete Handfläche fallen – „en ningún caso!“ Auf keinen Fall.

Im Inneren erwartet uns etwas, das man simpel als religiöse Verschmelzung katholischer Bräuche und alter Maya-Riten bezeichnen könnte. Tatsächlich stecken wir unmittelbar in einem Schmelztiegel des Glaubens. Diese Kirche besitzt weder Altar noch Bänke. Hunderte Menschen stehen, knien, hocken auf dem Boden, der bedeckt ist mit klebrigen Kiefernnadeln. Mittendrin brennen Kerzen, nur provisorisch an die Fliesen geklebt. Mannshohe Heiligenfiguren, manche in pompösen Gewändern, andere beinahe in Fetzen, alle mit einem Spiegel auf der Brust – ihrer Seele, ihren Augen – scheinen in einem Meer aus Blüten zu ersticken. Die Luft ist süß von verwesenden Pflanzen.

Dazwischen: kleine hölzerne Statuen, Tiere meist, etwa der Jaguargott, der Gott der Unterwelt. Die Menschen murmeln Gebete in indianischer Sprache, Flaschen mit Posh – Zuckerrohrschnaps – kreisen unter den Gläubigen, die im heiligen Rausch eins zu werden hoffen mit der Allmacht. Die Menschen, die hier beten, sind getauft und akzeptieren die Heilige Dreifaltigkeit. Doch ihre Welt beherbergt auch andere Götter. Götter, denen nach Blut verlangt: Hühner starren mit gebundenen Beinen vor sich hin; eines haucht in einer Ecke nach einem schnellen Schnitt sein Leben aus.
Ein Mann spuckt eine braune Flüssigkeit über die Betenden. Coca-Cola. Heilig ist die amerikanische Brause. Heilig, mächtig und kohlensäurehaltig: Mit einem Rülpser, so heißt es bei den Tzotzil, entweicht dem Körper alles Übel. Vor sechs Jahren hat Pepsi im Zuge des ewigen Cola-Krieges auch Chiapas ausgemacht – und gleich ein ganzes Dorffest gesponsert. Brause inklusive.

Auf dem Vorplatz versucht sich derweil der Rest der Gemeinde in Mutproben. Mit Stierköpfen aus Pappmaché, Gewehrschüssen und Knallkörpern. Laut – aber unblutig. Was in Mexiko nicht immer so war. Einige hundert Kilometer weiter östlich finden sich im Bundesstaat Veracruz Beweise dafür, dass Spiele im frühen Mesoamerika nicht immer glimpflich abgelaufen sind.IMG_4920
Leuchtend blau und rot müssen die Stuck-Pyramiden von El Tajin einst einen grandiosen Anblick geboten haben. Ihre Pracht lässt sich selbst im schlichten Grau der Gegenwart erahnen. Wahrscheinlich waren es Huaxteken, die El Tajin ab etwa 600 n. Chr. erbauten. Ein Volk, das von den Maya auch die Tradition des Ballspiels übernommen hatte. Vieles an dessen Regeln ist noch ungewiss. Fresken entlang der 17 Ballplätze belegen jedoch eines: Die Spiele endeten meist mit dem Tod. Doch ob Gewinner oder Verlierer den Göttern geopfert wurden, ob das Ende nur die Sklaven ereilte oder auch die Profispieler – all das weiß man nicht. Die uralten Steine erzählen viel. Aber eben nicht alles. Flirrend liegen sie in der brütenden Hitze. Flirrend, still – und so schief, dass das Betreten der Pyramiden verboten ist. Zeichen der Zeit.

Still ist es andernorts, an einer weiteren Kultstätte im Nordosten von Mexiko-Stadt, nicht einmal nachts. Dort, wo sich schnurgerade die „Straße der Toten“ durch Teotihuacán, dem „Ort, an dem man zu Gott wird“, zieht, lebten um das Jahr 500 n. Chr. bis zu 200 000 Menschen. Erst die Azteken sollten größere Städte bauen.

Heute allerdings ist das Rom Altamerikas mit Menschen nahezu überladen. Nicht einmal derjenige, der die 244 Stufen der Sonnenpyramide hinter sich bringt, hat im Anblick des Großartigen einen Moment für sich. Kein Platz ohne Touristen oder Händler, nirgends.

Ungestört ruhten dagegen lange Zeit wichtige Zeugen jener wohl prätoltekischen Kultur in der Erde: 260 Skelette wurden auf dem 22 Quadratkilometer großen Gelände gefunden, viele mit gebundenen Händen. Opferdepots in einer Stadt, von der es heißt, hier seien Menschen zu Göttern geworden. Indem sie andere und sich selbst richteten. Den Allmächtigen zum Gefallen.