Wer lächelt, sündigt nicht

Schon von klein auf spielen im Leben eines Balinesen traditionelle Tänze und Musik eine große Rolle.

Wahrscheinlich habe ich es nicht anders verdient. Schließlich bin ich falsch abgebogen in der Tempelanlage Pura Luhur Batu Karu, für die wir den Weg von Ubud in den Westen Balis bis zum Fuße des Vulkans Gunung Batukau auf uns genommen haben. Ich habe das Schild mit der Aufschrift „Kein Durchgang – religiöse Zeremonie“ falsch gedeutet – und erst Putris erschrockenes Gesicht hat mich auf meinen Fehler aufmerksam gemacht. Das Schild, ein Pflock im nassen Regenwaldboden, muss verrutscht sein, auf jeden Fall zeigte es nicht mit absoluter Sicherheit auf den

Arbeiterin in einem Reisfeld bei Mas.
Arbeiterin in einem Reisfeld bei Mas.

Weg nach rechts. Den, den ich verbotenerweise benutzt habe. Wie auch immer: Offenbar bin ich mit diesen wenigen Schritten um einige Meter vom, nun ja: rechten Weg abgekommen – und dafür muss ich jetzt büßen. Putris schnell gemurmelte Entschuldigung an Mahadewa, die Gottheit des Gunung Batukau, scheint wirkungslos geblieben zu sein. Wie sonst ist es möglich, dass die Kamera-Akkus den Geist aufgegeben haben, mein Notizbuch gestern irgendwo liegen geblieben ist, ich nach einer Nacht unter einem engen Moskitonetz schauerlich zerfressen bin und mir fette Kakerlaken beim Duschen Gesellschaft leisteten? Mit den Göttern Balis, scheint es, ist nicht zu spaßen.

Gastgeber Gus De und Ehefrau Putri.
Gastgeber Gus De und Ehefrau Putri.

„Religion ist Leben und Leben ist Religion auf Bali“, erklärt mir Gus De, bevor er lächelnd ein Auto organisiert, damit wir meine Notizen einsammeln können. Gus De ist Putris Ehemann – und mein Gastgeber. Seit zwei Tagen lebe ich nun schon in einem einfachen Gästezimmer im Haus seiner Familie in Mas, einem winzigen Ort in der Nähe Ubuds, dem künstlerischen Zentrum der Insel. Lichtjahre entfernt von der berüchtigten Beachparty-Kultur in Kuta. Hier, im Landesinneren, dreht sich die Welt nicht ums Feiern und Surfen. Nicht, dass es keine Bars gäbe. Doch Ubud hat schon immer eher Künstler und Hippies als Draufgänger und Strandblondinen angezogen. „Nach Bali kommen die Menschen, um loszulassen. Nach Ubud, um Inspiration zu finden. Und in meine Familie, um etwas kennen zu lernen, was oft zu kurz kommt: unsere Art zu leben“, sagt Gus De. Leben ist Religion. Religion ist Leben.
Auf Bali lebt man den Dharma-Hinduismus, glaubt man an Sanghyang Widhi Wasa, eine Gottheit, die alle anderen göttlichen Manifestationen in sich birgt. Mit den Details wurden ganze Bücher gefüllt, und auch Gus De und Putri geben sich alle Mühe dem europäischen Kopf das balinesische Pantheon einzutrichtern. Was hängen bleibt, ist die Essenz: Religiöse Riten begleiten die Inselbewohner in jeder Minute ihres Lebens, von der Geburt bis zum Tod – und darüber hinaus. „Alles gehört den Göttern. Sie geben es uns, wir danken ihnen.“ Denn nur wer ein fehlerfreies Leben führt, dem gelingt es, den Kreislauf der Wiedergeburt zu durchbrechen – und ins Nirvana einzuziehen. „Denke Gutes, sprich aufrichtig und tue Gutes.“ Gus De lächelt.

Das Quellheiligtum Pura Tirta Empul ist zwar nicht außergewöhnlich, doch seine Bäder haben große rituelle Bedeutung.
Das Quellheiligtum Pura Tirta Empul ist zwar nicht außergewöhnlich, doch seine Bäder haben große rituelle Bedeutung.

Wir sitzen beim Frühstück. Putri hat Jaja Batun Bedil, klebrige Reiskuchen in Zuckersauce, Bubuk Injin, Pudding aus schwarzem Reis, und Kuek Bali, balinesische Kuchen, aufgetischt. Oder besser: auftischen lassen. Denn Gus De und Putri gehören der obersten der vier Kasten an: den Brahmanen, der Priesterkaste. Was den Vorteil mit sich bringt, dass manche Arbeiten nicht von der Familie selbst erledigt werden müssen. „Versteh’ das mit den Kasten nicht falsch“, sagt Gus De, spießt einen Reiskuchen auf und lächelt wieder dieses Lächeln. „Es ist nicht so wie in Indien. Wir kennen keine Parias, keine Unberührbaren, und es ist durchaus möglich, von einer Kaste in eine andere zu heiraten. Dieses System gibt uns wie unser Glaube einfach eine Art Leitfaden fürs Leben. Brahmanen, Ksatria – Krieger und Politiker, Wesia – Bauern, Sudra – Arbeiter. Da weiß jeder, wo er hingehört.“ Das gilt auch für den Besucher, sofern er gewillt ist, sich höflich zu verhalten: „Bali ist meine Insel und du musst meinen Regeln folgen“, erklärt mir Gus De gleich am ersten Tag – was auch bedeutet, dass ich den Sarong, das landestypische Hüfttuch, nicht nur zum Besuch der Tempel zu tragen habe, sondern möglichst ständig, „als Zeichen des Respekts vor meiner Kultur“.
Als ältester Sohn wohnt Gus De mit seiner Familie – Ehefrau Putri und den Söhnen Dode und Duvi – im Haus des Vaters Ida Bagus Wedha und seiner Mutter De Wi. Und auch diese versucht dem Gast die balinesische Lebensart näher zu bringen: De Wi flechtet Tag für Tag Schälchen aus Bananenblättern, in denen Reis und Blüten arrangiert werden: Canangs. Morgens, mittags und abends legen die Frauen die Schälchen nach einem festen Ritual am Hausaltar und allen Eingängen des Anwesens ab. „Hilf mir doch“, schlägt sie eines Abends vor – und reicht mir die Blätter. Drei Versuche später winkt sie höflich ab: „Okay, das hast du“, sie lächelt Gus Des Lächeln, „gut gemacht.“ Dann richtet sie ihren Blick wieder auf den Fernseher. Ihre Finger arbeiten mechanisch weiter. In solchen Momenten stellt sich beim Gast, der „Bali mit Familienanschluss” gebucht hat, mitunter das Gefühl ein, vielleicht doch ein wenig zu stören. Im Familien-Tagesablauf. Putri zumindest hat neben den privaten Touren auch noch ihre Kinder zu versorgen und zwei kleine Restaurants zu führen. „Wir fahren gleich”, wird sie mir daher öfter zurufen – und mich dann meist erst anderthalb Stunden später einsammeln. Was dann unangenehm ist, wenn man nachts in einem unbeleuchteten Viertel einsam vor sich hin wartet.

Beerdigung in der Nähe von Mas bei Ubud. Die Kuh ist der Verbrennungssarg, in dem der 41-jährige Tote liegt.
Beerdigung in der Nähe von Mas bei Ubud. Die Kuh ist der Verbrennungssarg, in dem der 41-jährige Tote liegt.

Das zeigt sich auch, als ich Gus De und Putri ein letztes Mal begleite – zu einer Hochzeit. Augenscheinlich bei einer ärmeren Familie. Das Haus ist klein, der schmutzige Hof, in dem sich Maden und Hunde Essensreste streitig machen, zum Bersten voll mit Frauen. Die Männer haben sich in einem Pavillon versammelt, wo sie bei Tee und Zigaretten diskutieren. Vom Brautpaar ist nichts zu sehen. Ich hocke mich auf einen Stuhl vor dem Zeremonienbett, dem Zentrum jedes balinesischen Hauses. Skulpturen aus Reis und Lebensmittelfarbe schmücken den Ort, an dem die Zahnfeilung des Bräutigams stattfinden soll. Gus Des Onkel, Ida Bagus Acit, und sein Cousin, Ida Bagus Dupaarga, werden die Zeremonie durchführen.
Unter aufgeregtem Gedrängel arbeiten sich der Bräutigam, ein schmächtiger 17-Jähriger, und sein Onkel bis ins Bett vor, legen sich hin – und öffnen den Mund. Eine kurze Segnung – und dann werden die oberen Zähne der beiden Männer so lange bearbeitet, bis sie eine gerade Linie ergeben. „Auf diese Weise wird der Bräutigam von seinen Lastern befreit“, erklärt mir der Mann links von mir. Die Frau rechts zerreißt derweil ein Küken der Hälfte nach und legt je einen Teil auf beide Seiten des Bettes. Ich wühle mich aus der Menschentraube und schnappe nach Luft. „Wie heißt eigentlich das Brautpaar?“, frage ich eine Frau. Sie nennt mir den Namen des Bräutigams: Wayan Agus. Der Name der Braut jedoch, ein stilles 15- oder 16-jähriges Mädchen, ist nicht in Erfahrung zu bringen. „Sie stammt aus einem anderen Dorf“, entschuldigt sich Gus De, als er mich später verabschiedet. Und dann murmelt er: „Die zwei mussten heiraten. Sie ist schwanger.“ Gus De lächelt sein Lächeln.
Und wieder wird klar: Mehr noch als anderorts gilt es hier für jede Entscheidung – sei es bei der Wahl eines Tempelpfades, sei es im Leben – die Konsequenzen zu tragen. Auf Bali, so scheint es, sind nicht nur die Götter unerbittlich.