Die Fährte des Höllenhundes

Auf den Spuren von Sherlock Holmes in London und Dartmoor.

Sherlock Holmes ist nicht zu Hause. In der dritten Etage von 221b Baker Street stapeln sich die Briefe mit Hilfegesuchen. Seltsamerweise sind sie alle beantwortet: Ein Sekretär teilt mit, der Meisterdetektiv habe sich aufs Land zurückgezogen, um sich der Bienenzucht zu widmen. Leider könne er daher keine Fälle mehr annehmen.

London ist ein gutes Pflaster, wenn es um Geschichten geht, die knapp an der Grenze zwischen Fiktion und Realität angesiedelt sind. Man nehme nur Jack the Ripper und Sweeny Todd oder eben jenen Sherlock Holmes, der bekanntlich in 221b Baker Street gewohnt haben soll – einer fiktiven Adresse in London. Oder doch nicht fiktiv? Immerhin bekommt er, dem Weihnachtsmann gleich, noch immer Post aus aller Welt. Und die Post kommt sogar an und wird beantwortet. Wer direkt vor der real existierenden Tür im Stadtteil Marylebone steht, mag einen Augenblick zögern und dann – mit den scharfen Augen eines Detektivroman-Lesers – feststellen, dass die Häuser neben 221b die Nummern 237 und 241 tragen. Gut kombiniert: Da hat man bei der Einrichtung des Sherlock-Holmes-Museums im Jahre 1990 schlicht die Hausnummer geändert.

Das Langham Hotel in London wurde 1865 eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es geschlossen, es wurde jedoch komplett renoviert und 1991 wiedereröffnet. Arthur Conan Doyle hatte hier gemeinsam mit Oscar Wilde sein erstes Treffen mit dem Herausgeber des amerikanischen "Strand Magazine", das erste Geschichten der beiden Autoren veröffentlichte.
Das Langham Hotel in London wurde 1865 eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es geschlossen, es wurde jedoch komplett renoviert und 1991 wiedereröffnet. Arthur Conan Doyle hatte hier gemeinsam mit Oscar Wilde sein erstes Treffen mit dem Herausgeber des amerikanischen “Strand Magazine”, das erste Geschichten der beiden Autoren veröffentlichte.

Es ist ein Leichtes, London auf den Spuren Sherlock Holmes’ zu erkunden. Man nehme das Frühstück im Langham, jenem traditionsreichen Hotel, in dem sich einst Arthur Conan Doyle und ein gewisser Oscar Wilde mit dem Herausgeber des US-amerikanischen „Strand“-Magazins trafen und so ihre ersten Geschichten zu Geld machten. Man besuche das Sherlock-Holmes-Museum in der Baker Street, dessen Einrichtung tatsächlich aus den Tagen eines Sherlock Holmes stammen könnte – inklusive Kamin, Pfeifentabak, Monogramm der Queen Viktoria und dem ein oder anderen Einschussloch. Eingedeckt mit Büchern und Devotionalien könnte man einen Nachmittag mit einer speziellen Stadtführung füllen: Der „Sherlock Holmes Walk“ beginnt an der U-Bahn-Station „Embankment“ und führt, begleitet von zahlreichen Geschichten und Anekdoten, durch das Londoner Westend – vorbei an Conan Doyles Lieblingsrestaurant „Simpson’s on the Strand“, am Verlagsgebäude des „Strand“ und durch enge Gassen, in denen man die Gaslaternen von einst noch förmlich riechen kann. Und natürlich endet er im „Sherlock Holmes Pub“ auf der Northumberland Street, das dekoriert ist mit Fotos aus Holmes-Filmen und Souvenirs aus viktorianischer Zeit. In der ersten Etage gibt es Holmes’ Arbeitszimmer zu bewundern. Doch der Meisterdetektiv ist gerade nicht da. Wahrscheinlich auf dem Land, heißt es. Das war zu erwarten.

Das Sherlock Holmes Museum in London befindet sich selbstverständlich in der Baker Street 221 b. Hier sind einige Szenen aus den Büchern Conan Doyles nachgestellt, hier das Wohnzimmer des berühmten Detektivs - und natürlich gibt es eine Menge an Büchern und Schnickschnack zu kaufen.
Das Sherlock Holmes Museum in London befindet sich selbstverständlich in der Baker Street 221 b. Hier sind einige Szenen aus den Büchern Conan Doyles nachgestellt, hier das Wohnzimmer des berühmten Detektivs – und natürlich gibt es eine Menge an Büchern und Schnickschnack zu kaufen.

Vielleicht steckt er ja dort, wo er sich auch in „Der Hund der Baskervilles“, aufhält: in Dartmoor. Ein unheimliches Vieh, ein Höllenhund, soll dort umgehen und eine ganze Familie in den Tod treiben, erzählt die wohl berühmteste Holmes-Geschichte. Knapp zweieinhalb Stunden dauert die Zugfahrt von London nach Exeter. Zeit genug, um in Conan Doyles Klassiker zu blättern. Auch der vorausreisende Dr. Watson nimmt den Zug und ist zunächst wenig angetan von diesem „gottverlassenen Winkel“, in den er geschickt wird. Wenn man das Moor betrete, lasse man „alle Spuren des modernen England hinter sich“, berichtet Holmes’ rechte Hand. Und käme aus einer der alten Steinhütten „ein in Felle gehüllter und behaarter Mann herausgekrochen, der einen Pfeil mit Feuersteinspitze auf die Sehne eines Bogens legte, dann würde man das viel natürlicher finden als die eigene Anwesenheit“.

Angesichts dieser wenig schmeichelhaften Beschreibung wundert es nicht, dass nicht für Dr. Watson, sondern für seinen berühmten Freund in Dartmoor ein Denkmal errichtet wurde. Ganz dem traditionellen Erscheinungsbild entsprechend – mit Deerstalker-Mütze und Inverness-Mantel – ziert ein Standbild des Meisterdetektivs die Eingangshalle des Dartmoor-Nationalpark-Zentrums in Princetown. Zwar haben weder Holmes noch Conan Doyle mit dem 1951 gegründeten Nationalpark etwas zu tun, doch alles rund um die Romane lässt sich nun einmal touristisch hervorragend vermarkten. Dabei hätte die Region das gar nicht nötig: Vor allem an Sonnentagen präsentiert sich Dartmoor, genau in der Mitte der Grafschaft Devon im äußersten Südwesten Englands auf einem schmalen Landzipfel zwischen Ärmelkanal und Atlantik gelegen, als eine der schönsten Regionen Großbritanniens. Ein Auenland für „Herr der Ringe“-Momente: mit Heidekraut spärlich bewachsene Hügel und schroffe Bergspitzen, plätschernde Bäche, grüne Flusstäler und von hohen Bruchsteinmauern umgebene Weiden, besiedelt von ein paar freilaufenden Schafen, Rindern und Ponys.

Einen ersten Eindruck vom Charakter dieser Landschaft vermittelt Postbridge, ein knapp zehn Kilometer nordöstlich von Princetown gelegenes kleines Örtchen. Die größte Sehenswürdigkeit dort: eine so genannte „Clapper Bridge“, deren genaues Alter nicht zu bestimmen ist. „Fest steht aber“, erzählt der Nationalpark-Ranger Ian Durrant, „dass diese Brücken, die aus groben, flachen Steinen bestehen, bereits in frühgeschichtlicher Zeit errichtet wurden.“

Nicht Baskerville Hall, sondern Bowie Castle, unweit von Exeter: ein ehrwürdiges Schloss für den dickeren Geldbeutel. Hier serviert man nicht nur den angeblich besten Cream Tea Südenglands, sondern ist auch noch mitten drin in der Sherlock-Holmes-Historie: Immerhin erhielt Bovey Castle die Ehre, bei der Verfilmung des Romans "Der Hund der Baskervilles" im Jahr 1939 als Kulisse zu dienen.
Nicht Baskerville Hall, sondern Bowie Castle, unweit von Exeter: ein ehrwürdiges Schloss für den dickeren Geldbeutel. Hier serviert man nicht nur den angeblich besten Cream Tea Südenglands, sondern ist auch noch mitten drin in der Sherlock-Holmes-Historie: Immerhin erhielt Bovey Castle die Ehre, bei der Verfilmung des Romans “Der Hund der Baskervilles” im Jahr 1939 als Kulisse zu dienen.

Man halte inne, schaue sich um und stelle fest: In Dartmoor gibt es wenige Menschen, viel Ruhe und noch mehr Steinmauern. Letztere teilen Felder und zäunen Höfe ein – oder stehen einfach so in der Gegend herum und bilden Kreise. Zum Beispiel in Grimspound, jenem Ort, in dem sich Holmes unerkannt aufhält, während Dr. Watson in Baskerville Hall residiert. Conan Doyle kannte die Gegend von mehreren Besuchen. Nur wenige Jahre, bevor er den „Hund der Baskervilles“ ersann, fanden bei Grimspound Ausgrabungen statt, die merkwürdige Steinkreise hervorbrachten. Auch Dr. Watson steht vor einem steilen Abhang, der „von wenigstens einem Dutzend kreisrunder grauer Steinringe bedeckt“ ist und fragt: „Was ist das? Schafhürden?“ Nein, lautet die Antwort, „das sind die Heimstätten unserer werten Vorfahren“.

Tatsächlich sind in Dartmoor über 2000 Steinkreise registriert, viele der Komplexe stammen aus der Bronzezeit: „Der Nationalpark soll helfen, die Ursprünglichkeit des Gebietes zu erhalten“, erklärt Durrant. „Nicht nur die Flora und Fauna, sondern auch seine archäologischen Überreste.“ Dartmoor gilt als das letzte Stück Wildnis im Süden Englands. Der Nationalpark befindet sich in privater Hand, gehört zu großen Teilen dem Herzog von Cornwall, auch bekannt als Prinz Charles, und ist nicht dem National Trust unterstellt. Damit untersteht er, anders als die übrigen englischen Nationalparks, nicht dem „Rights of Way Act“. Das heißt, der gesamte Park ist für Fußgänger zugänglich, sie müssen sich nicht an die bestehenden Wege und Straßen halten. Wie nirgendwo sonst in England hat man hier die Möglichkeit, querfeldein zu wandern, ohne über Hecken und Zäune klettern zu müssen. Selbst der mitunter raue Wind sollte niemanden davon abhalten, einige Tage durch das Dartmoor zu wandern.

Touren, etwa über den empfehlenswerten „Dartmoor Way“, führen häufig an so genannten „Tors“ vorbei. 170 davon gibt es in Dartmoor, und keine zwei sehen sich auch nur ähnlich. Die Gesteinsbrocken, häufig auf Hügeln zu finden, muten aus der Entfernung wie alte Burgruinen an. Tatsächlich jedoch haben nicht Menschen, sondern Wind und Wetter sie aus der Landschaft geschliffen. Das umliegende Moor, vor dem Watson so eindringlich gewarnt wird („Ein falscher Tritt bedeutet den Tod für Mensch und Tier“), sei völlig ungefährlich, erklärt Durrant, während sich der Blick von den Höhen herab in der Weite Dartmoors verliert. Er selbst sei zwar auch schon mal eingesunken, „aber nur bis zu den Hüften, tiefer geht es nicht.“

Bevor mit der sinkenden Sonne die Kälte langsam aus dem Moor heraufsteigt, wird es Zeit, eine Unterkunft zu beziehen. Leider ist Baskerville Hall, das Ziel von Watsons Reise, so fiktiv wie 221b Baker Street. Doch die Realität kommt der Fiktion in Bovey Castle sehr nahe, einer erstklassigen Adresse als Ausgangspunkt für die Erkundung des Nationalparks. Zwar handelt es sich nicht um den Familiensitz einer verfluchten Dartmoor-Dynastie, aber doch eines von zahlreichen Herrenhäusern, die vor allem gut betuchten Besuchern offen stehen. Immerhin: Das luxuriöse Golfhotel, dessen stilvolles Kaminzimmer und die weitläufige Terrasse die Einnahme von Earl Grey, Scones mit Marmelade und „Clotted Cream“ geradezu zwingend notwendig machen, diente 1939 als Kulisse für eine legendäre Verfilmung des Baskerville-Stoffes mit Basil Rathbone in der Hauptrolle.

Von Höllenhunden jedoch keine Spur – Hunde sind in Bovey Castle ohnehin nicht gestattet. Auch Sherlock Holmes ist, wie hätte es anders sein können, gerade nicht anwesend. Doch während die Sonne hinter den sanften Hügeln Dartmoors ebenso langsam aber unaufhaltsam verschwindet wie das englische Gebäck von den Holztischen auf der Schloss-Terrasse, fällt es nicht sonderlich schwer, sich auszumalen, wie es wohl gewesen sein mag – damals, als hier in Dartmoor wenn schon nicht der echte, so aber doch der beste Sherlock Holmes zu Gast gewesen ist.

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