Am Pranger ist der Teufel los

Ein Friseur auf der Hauptstraße von Salvador, der Avenida 7 de Setembro, wirbt für seinen Herrensalon und seine "Black Fashion"-Haarschnitte.
Die Praça Tomé de Souza war Zentrum der ersten Stadtgründung Salvadors. An der Stelle des schneeweiss getünchten Palácio Rio Branco mit den Stuckadlern, den griechisch-römischen Säulen und seinem verglasten Rundkuppelturm stand einst die Casa do Governo (1549).
Die Praça Tomé de Souza war Zentrum der ersten Stadtgründung Salvadors. An der Stelle des schneeweiss getünchten Palácio Rio Branco mit den Stuckadlern, den griechisch-römischen Säulen und seinem verglasten Rundkuppelturm stand einst die Casa do Governo (1549).

Umringt von einer dicht gedrängten Menschenmenge schlagen fünf junge Männer ihre Trommeln und singen Lieder in der afrikanischen Sprache Yoruba. Der Kultraum mitten im Viertel Pelourinho ist festlich geschmückt, 20 Frauen und Männer tanzen im Kreis. Geehrt wird Oxum, die Fruchtbarkeitsgöttin, Herrin über Flüsse und Seen. Aus der ganzen Nachbarschaft sind die Menschen gekommen, um dem Ritual beizuwohnen; Kinder klettern auf die Fenstersimse, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen, denn Sitzplätze gibt es nur wenige und nur für würdevolle Ehrengäste. Für Touristen zum Beispiel.

Deren Weg nach Salvador, die Hauptstadt des Bundesstaates Bahia im Nordosten Brasiliens, führt zumeist über das Wasser. Vom Boot aus ist die Unterstadt zu sehen, überragt von einem Steilufer, in das Häuser und schmale Gassen hineingezwängt wurden. Unterbrochen wird das Gewirr aus Stein und Zement von kleinen privaten Schrägaufzügen, die sich die Wohlhabenden zu ihren Anlegestellen bauen ließen. Die Hochhäuser der Oberstadt mit ihren Luxusappartments bilden einen krassen Gegensatz zu den selbst gezimmerten Behausungen unten am Wasser: Die Stadt ist gespickt mit kleinen, illegalen Siedlungen, in denen die Ärmsten der Armen leben. Grundstücke auswärtiger Spekulanten zumeist, die gar nicht wissen, dass da jemand auf ihrem Land wohnt.

Wer keinen eigenen Aufzug hat aber dennoch hinauf in die Oberstadt will, nimmt eine Zahnradbahn oder den „Elevador Lacerda”, einen 85 Meter hohen, fensterlosen Riesenfahrstuhl, der zum Symbol der Stadt geworden ist. Den Fußweg durch die engen Gassen sollte man meiden – die Armenviertel Brasiliens sind nicht nur für Touristen zu gefährlich. Oben angekommen ist man dann auch schon mitten drin im Getümmel der Praça Municipal, dem Zentrum der ersten Stadtgründung Salvadors. Es sind weniger die Menschenmassen, durch die man sich den Weg über den Platz vor dem alten Regierungspalast bahnt, sondern vielmehr Unmengen an Tauben. Ziel der Touristen ist das Viertel Pelourinho, auf Deutsch: Pranger. Einst Sklavenmarkt, heute das Viertel der Kneipen, Clubs und Konzerte.

Ein Ort, an dem man sich auf Touristen eingestellt hat. Und die kommen zahlreich, um den historischen Teil von Salvador mit seinen Kirchen, Museen und Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu Fuß zu erkunden. Der Weg durch das größte zusammenhängende barocke Wohnviertel der Welt gleicht allerdings einem Spießrutenlauf, vorbei an jungen Frauen, die sich – gegen Bezahlung – in traditionellen Gewändern fotografieren lassen. Ist die schnelle Fotosession kostenlos, dann ist sie zumindest verbunden mit einem kurzen Besuch in einem Geschäft inklusive zwei Glas Caipirinha und einem Verkaufsgespräch.

Vom Elevador Lacerda hat man einen schönen Blick über Unterstadt, Hafen und Bucht auf die Itaparica-Insel.
Vom Elevador Lacerda hat man einen schönen Blick über Unterstadt, Hafen und Bucht auf die Itaparica-Insel.

Auf diese Weise erreicht man mehr oder weniger schnell das Ziel: Pelourinho. Vor 1992 wäre ein Besuch in diesem Viertel lebensgefährlich gewesen – dies war der Stadtteil mit der höchsten Kriminalitätsrate in einer ohnehin nicht ungefährlichen Stadt. Durch die Restaurierung von insgesamt 600 historischen Gebäuden Anfang der 90er-Jahre hat sich das geändert. Heute spielt hier die Musik, und die heißt: Samba. Jeder Platz, jeder Hinterhof scheint eine eigene Bühne zu haben. Getanzt wird zu allem, Hauptsache rhythmisch und laut. Der spektakulärste dieser Tänze ist der Capoeira – er ist Geschichte, Tradition und Lebensgefühl. Kämpfen war den Sklaven in der portugiesischen Kolonie verboten, deshalb brachten sie ihre Kampfübungen ausdrucksstark in rhythmische Zusammenhänge und ließen die weißen Herren glauben, es handele sich lediglich um einen artistischen aber ungefährlichen Tanz. Zur Musik des Berimbau und des Tambourin steigern sich Tempo und Artistik, bis den europäischen Zuschauern der Atem stockt und die brasilianischen ihre Füße nicht mehr still halten können. Für die meisten Afrobrasilianer – in letzter Zeit zunehmend auch Afroamerikaner, die jedes Jahr nach Salvador strömen – ist der Bundesstaat Bahia eine spirituelle Heimat, ein Ort für die Suche nach den eigenen Wurzeln, eigener Identität und authentischen Werten.

Wie überall in Brasilien hat jeder Strand - und das dazugehörige Viertel - sein Stammpublikum und sein eigenes Flair. Generall gilt: Je weiter von der Stadt entfernt, umso sauberer und weniger frequentiert sind die Strände.
Wie überall in Brasilien hat jeder Strand – und das dazugehörige Viertel – sein Stammpublikum und sein eigenes Flair. Generall gilt: Je weiter von der Stadt entfernt, umso sauberer und weniger frequentiert sind die Strände.

Salvador ist Südamerika und Afrika zugleich, eine Stadt der Gegensätze: Die „Cidade do Salvador da Bahia de Todos os Santos“, die Stadt des Erlösers in der Allerheiligenbucht, wie sie komplett heißt, war die erste Hauptstadt der portugiesischen Kolonie und über drei Jahrhunderte Zentrum des transatlantischen Sklavenhandels. Vier Millionen Menschen, vor allem sudanesische Nagô, wurden von der Westküste Afrikas aus hierher verschleppt. Ihre Nachfahren machen heute drei Viertel der Bevölkerung aus, die Stadt gilt als das schwarze Herz Brasiliens. Da wird zum Geschmack des Caipirinha und zum Klang der Trommeln die Nacht durchgetanzt – und am nächsten Morgen der heilige Bonfirm angebetet, er möge die müden Knochen richten.

Das afrikanische Erbe ist gleichwohl bis heute lebendig und wird teilweise sogar mystifiziert. Lange Zeit allerdings waren afrikanische Rituale in der portugiesischen Kolonie verboten, bis in die 70er-Jahre wurden sie polizeilich verfolgt. Doch weder Sklaverei und Zwangstaufe noch Verstädterung haben die Kulte verschwinden lassen. Es war viel Erfindungsgeist und Beharrlichkeit notwendig, und wie in der Musik so vermählte sich auch in der Religion Europa mit Afrika: Es entstand der Candomblé. Diese Religion mit ihren afrikanischen Göttern „Orixá“ hat bis heute großen Einfluss auf die Denkart, das Leben – sogar die Speisen mit ihrem Palmöl, ihren Okraschoten und Trockenkrabben sind afrikanischen Ursprungs. Überall werden Opfer für die Götter dargebracht, die einst Sklaven auf ihrem leidvollen Weg von Afrika nach Brasilien importierten. Sogar in die katholischen Kirchen haben die heidnischen Riten Einzug gehalten, wie ein Blick in den Seitentrakt der Wallfahrtskirche Igreja do Bonfirm zeigt: Von der Decke baumeln Plastik-Nachbildungen menschlicher Gliedmaßen – Beine, Arme, sogar Köpfe. Ein afrikanischer Brauch, mit dem der heilige Bonfirm gebeten wird, die entsprechenden Körperteile der Hilfesuchenden zu heilen.

Gegen müde Beine hilft allerdings nicht nur göttlicher Beistand, sondern vor allem Erholung. Die schönsten Strände in der Region liegen nördlich der Stadt auf 15 Kilometern Länge. Und obwohl es regelmäßige Busverbindungen gibt, sind sie über weite Abschnitte menschenleer. Erst in den vergangenen zwei, drei Jahren haben große Hotelketten diese Abschnitte für sich entdeckt. Noch kann man hier tagsüber die Einheimischen Capoeira-Tänzer beobachten. Sie trainieren für den Abend – wenn am Pranger wieder der Teufel los ist.