Auf dem Weg der Kohle

Eine Reise in die Vergangenheit treten Besucher des UNESCO-Welterbes Zollverein an, die sich von ehemaligen Bergleuten, von Steigern und Kokern, durch den Denkmalpfad ZOLLVEREIN® führen lassen. Mit Geschichten von harter Arbeit, großen Maschinen und halbvollen Suppentellern.

„Sie dürfen Detlef sagen, oder auch: Waschbär“. Ein Spitzname, den sich Detlef Spahn in 26 Jahren hart erarbeitet hat. In der Kohlenwäsche. Aber nicht nur. Eigentlich überall dort, wo es auf der Zeche Zollverein Maschinen gab.

Man kann ihn alles Fragen - Detlef Spahn hat auf alles eine Antwort.
Man kann ihn alles Fragen – Detlef Spahn hat auf alles eine Antwort.

Heute ist der 70-Jährige einer von acht ehemaligen Steigern, die regelmäßig Besucher durch den Denkmalpfad führen. Eine solche Tour beginnt dort, wo einst auch die Kohle zum ersten Mal mit einer Zeche in Berührung kam: oben. Genauer: auf dem Dach der Kohlenwäsche. Und alleine für diesen Rundblick lohnt sich die Führung. Das Auge schweift weit – über das gesamte Welterbe Zollverein, Essen, das Bergische Land, das nördliche Ruhrgebiet. Bei gutem Wetter sogar bis nach Dortmund.

Die frische Ruhrgebietsluft einmal tief einatmen – und dann abtauchen in die Geschichte. Die Führung folgt dem Weg der Kohle nach unten quer durch die Kohlenwäsche. Auf 40 Metern Höhe wurden hier auf mehreren Ebenen aus 20.000 Tonnen Gesteinsmasse 12.000 Tonnen Kohle herausgewaschen. Jeden Tag. Über zwei Transportbänder gelangte das Schwarze Gold dann vom Wagenumlauf in die Kohlenbunker und weiter zu zwei Siebtrommeln, in denen die Feinkohle von der Grobkohle getrennt wurde. Einer von zahlreichen Einsatzorten Spahns.

Steiger Detlef Spahn war von 1960 bis 1986 auf der Zeche Zollverein beschäftigt. Heute führt er regelmäßig Besuchergruppen durch den Denkmalpfad.
Steiger Detlef Spahn war von 1960 bis 1986 auf der Zeche Zollverein beschäftigt. Heute führt er regelmäßig Besuchergruppen durch den Denkmalpfad.

Es war 1960, als der gelernte Stahlbauschlosser auf der Zeche Zollverein „anheuerte“. Doch nicht unter Tage befand sich sein Arbeitsplatz, sondern in den Hallen und Werkstätten.  „Es gibt keine einzige Maschine hier, die ich nicht ausgebaut, repariert, wieder ein- oder sogar neu gebaut habe“, erzäht Spahn, während eine Lichtprojektion auf der Siebtrommel die Arbeitsabläufe darstellt – inklusive Ton. Apropos Lautstärke: Ist sein Gehör nach all den Jahren eigentlich in Ordnung? „Ich höre sehr gut. Es sei denn, meine Frau sagt ‚was.“ Eher kein medizinisches Problem, so scheint es.

Man kann ihn also alles fragen – Spahn hat immer eine Antwort. Kennt Fakten und Arbeitsabläufe. Jahreszahlen und Größenordnungen. Maschinen und Gerätschaften sowieso. Doch das Besondere an einer Steigerführung, das sind die vielen Geschichten, die eben nur einer erzählen kann, der dabei war.
Und Spahn war dabei. 26 Jahre lang bis zur Schließung 1986. In drei Schichten: mal Früh-, mal Spät-, dann Nachtschicht. Eigentlich. „Aber das konnte ich nicht ab, diesen ständigen Wechsel. Deshalb habe ich 20 Jahre lang freiwillig in der Nachtschicht gearbeitet.“ Die Bezahlung war gut – auch wenn „zwei Mark die Stunde“ aus heutiger Sicht nicht viel zu sein scheint. „Auch die Rente ist gut“, sagt der 70-Jährige. „Ich habe hart dafür gearbeitet und hatte wenig Familienleben.“ Dafür war der Heimweg kurz: Bis heute wohnt Spahn gegenüber, Bergbauschäden inklusive. „Das Haus hat eine Schieflage von 17,5 cm. Volle Suppenteller gibt’s bei uns nicht.“

Die Kohle wurde in der Wipperhalle auf die Förderbänder gekippt.
Die Kohle wurde in der Wipperhalle auf die Förderbänder gekippt.

Die Tour geht weiter. An Maschinen vorbei und an Gleisen entlang, durch enge Gänge und weite Hallen. Auch in der Wipperhalle, in der einst die Kohle auf die Förderbänder der darunter liegenden Lesebandhalle gestürzt wurde, verdeutlichen Lichtanimationen und Geräusche, wie hier die Arbeit vonstatten ging. Originalgeräusche ja, aber nicht in Originallautstärke. Das wäre zu viel für Besucher-ohren. Anfassen allerdings ist durchaus erlaubt auf diesem Spaziergang durch den Denkmalpfad: der große Vorschlaghammer, ein Mottek also; Gummistiefel und Grubenlampe; Schleifmaschine und Schutzbrille. In den Werkstätten, in denen Detlef Spahn  so einiges repariert hat, endet die Tour.
Nicht ganz. Sie endet im Nebenraum: Bier und „Löschwasser“ für alle. Richtiges Wasser auch. Letzte Gelegenheit, dem Steiger Fragen zu stellen. Geschichten und Anekdoten zu hören. Über die Arbeit. Den Alltag. Die Streiche, die man sich gegenseitig spielte. Welche? Nun, das sollte der Steiger lieber selbst erzählen. Immer freitagsabends.