Die Seele ist kosmopolitisch

Die Place des Vosges ist einer der ältesten Plätze in Paris und gilt als einer der schönsten. Er hat Ausmaße von 140 mal 140 Metern und befindet sich im Stadtteil Marais. Der Platz wurde als Place Royale in den Jahren 1605 bis 1612 gebaut. Zum ersten Mal in Europa wurden alle Seiten eines Platzes einheitlich mit 39 dreigeschossigen Häusern mit Arkaden im Erdgeschoss bebaut. Den gegenwärtigen Namen, Platz der Vogesen, erhielt der Platz erstmals im Jahr 1800. Er wurde so genannt, weil das französische Département der Vogesen das erste war, das die damals erhobene Revolutionssteuer komplett bezahlt hatte.

Auf die Frage, welches der schönste Platz in Paris ist, lautet eine mögliche Antwort: die Place des Vosges. Von wo man auch kommt, immer betritt man sie durch einen Torbogen. Die quadratische Grünfläche ist umgeben von dreigeschossigen, roten Backsteinhäusern. „Brique et pierre”, nennt sich der Baustil, Ziegel und Stein. Im Erdgeschoss Arkaden, in deren Schutz die unterschiedlichsten Gruppen musizieren.

Gelb leuchtet die Fassade der Konditorei „Sacha Finkelstajn” im Pariser Viertel Marais. Im Schaufenster werden Mazze (ungesäuertes Fladenbrot) und Mohnstrudel angeboten.
Gelb leuchtet die Fassade der Konditorei „Sacha Finkelstajn” im Pariser Viertel Marais. Im Schaufenster werden Mazze (ungesäuertes Fladenbrot) und Mohnstrudel angeboten.

Wer von der Place des Vosges aus Rue Saint Antoine betritt, schlendert auf das Herz jenes Viertels zu, das sich Le Marais, das Moor, nennt: Im Mittelalter befand sich hier auf sumpfigem Untergrund das jüdische Ghetto. Ein kurzer Zwischenstopp auf der Place du Marché-Sainte-Catherine: Wer will, nimmt einen „café crème” in der Abgeschiedenheit dieses Innenhofs, bevor es dann zurück geht auf die Rue St. Antoine und weiter in die Rue des Rosiers.

Hier verlässt man das eine Paris und betritt ein anderes. Die Straßen sind enger, dunkler und doch bunter. Gelb leuchtet die Fassade der Konditorei „Sacha Finkelstajn”, im Schaufenster werden Mazze (ungesäuertes Fladenbrot) und Mohnstrudel angeboten. Gegenüber bei „Marianne” gibt es „gehakte leiber” (gehackte Leber) und Blinis, im jiddischen Feinkostladen „gefilte fish”.

Bis heute ist das Marais Zentrum des jüdischen Lebens, es spiegelt das Auf und Ab jüdischer Geschichte wider: gequält, vertrieben, leidend unter
zahlreichen Pogromen. Während der französischen Revolution – früher als in jedem anderen europäischen Land – zu gleichberechtigten Bürgern erklärt, im Dritten Reich erneut verfolgt, in Konzentrationslagern ermordet. Trotz der Deportationen wollten viele ihr Zuhause nicht aufgeben, und so blieb das Marais auch nach dem Zweiten Weltkrieg Anlaufstelle für jüdische Emigranten aus der ganzen Welt: Die Ashkenazim kamen aus der Sowjetunion und den Ländern des Ostblocks, nach der Unabhängigkeit der Maghrebländer folgten Sephardim aus Algerien, Tunesien und Marokko.

In die ehemaligen „hôtels particuliers”, in denen einst der französische Adel residierte, sind zahlreiche Museen eingezogen, etwa das „Musée Picasso” im „Hôtel Salé”. Zwar bringen sie internationales Bildungsbürgertum als Touristen ins Viertel. Doch bis heute prägen Juden das Bild des Marais. Das wird vor allem am Wochenende deutlich sichtbar: Am Sabbat wirkt das Marais noch wie ausgestorben. Doch am Sonntag flanieren Menschen zwischen teuren Modeboutiquen, Designerläden, Kunstgalerien und Falafelbuden. Der Unterricht einer Sonntagsschule geht zu Ende, dunkel gekleidete Männer mit Bart und traditioneller Schläfenlocke holen

Le Marais (le marais = das Moor) ist ein Distrikt in Paris, am rechten Seineufer, östlich Beaubourg zwischen der Place de la République und der Place de la Bastille. Es ist Zentrum des jüdischen Lebens in Paris und hat mittlerweile eine lebendige Homosexuellen-Szene. Im Hintergrund Sacha Finkelstajn, links Chez Marianne, bei denen es gehakte Leiber, gefilte Fish, Blinis, Falafel und Strudel gibt.
Le Marais (le marais = das Moor) ist ein Distrikt in Paris, am rechten Seineufer, östlich Beaubourg zwischen der Place de la République und der Place de la Bastille. Es ist Zentrum des jüdischen Lebens in Paris und hat mittlerweile eine lebendige Homosexuellen-Szene. Im Hintergrund Sacha Finkelstajn, links Chez Marianne, bei denen es gehakte Leiber, gefilte Fish, Blinis, Falafel und Strudel gibt.

ihre Kinder ab, der Buchladen hat den Talmud und siebenarmige Leuchter im Angebot. Wer sich das wie auf einer Ansichtskarte vorstellt, kommt nicht annähernd dieser Vielfalt nahe. Die Kontraste zwischen Orthodoxen und Liberalen, nordafrikanischen, polnischen und russischen Gemeinschaften, Alteingesessenen und Jungen könnten größer kaum sein.

Am Ende der Rue Ferdinand Duval ist diese Welt der engen Gässchen urplötzlich zu Ende, hier beginnt wieder das Paris der breiten Boulevards. Zum letzten Mal blitzt die Vergangenheit in der mittelalterlichen Rue des Barres auf, in deren Verlauf überraschend die spätgotische Kirche Saint-Gervaiset-Saint-Protais auftaucht. Man muss schon genau hinsehen, um den Eingang zu entdecken. Über die Rue des Barres gelangt man zu den Bouquinisten an der Seine. Wie eine Reliquie aus vergangenen Pariser Tagen wirken sie im Zeitalter des Internetbuchhandels. Wie eine Reliquie aus vergangenen Pariser Tagen wirkt das Marais. Drumherum wird abgerissen und neu gebaut, im Zentrum aber die Tradition gelebt. In einem Viertel, das nie zu Paris gehören wollte. Und das doch dessen Seele bewahrt.