Eine Welt für sich

Sansibar: eine Insel aus Korallenkalk im Indischen Ozean - und am weiten Strand ein Mädchen auf der Suche nach Krebsen.

Sansibar. Insel im Indischen Ozean und – unverzeihlich pauschal gesprochen – jener Teil des schwarzen Kontinents, der augenscheinlich so ganz anders ist als der Rest. Sansibar, das ist dort, wo der Pfeffer wächst, wo es nach Weihnachten duftet und der Tag seinen Gang geht. Oder auch nicht. Wen stört’s? Dort, wo man das Safarihemd gegen den Bikini tauscht und den Jeep gegen die Sonnenliege.

Sansibar. 1658Quadratkilometer Korallenkalk mitten im tiefsten Blau. Gut halb so groß wie Mallorca und zunächst kaum mehr als ein Flughafen ohne Gepäckband. Dafür hat sich das Eiland zumindest eine Teilautonomie zum 35 Kilometer entfernten Mutterland Tansania bewahrt, hisst eine eigene Flagge und rammt den Touristen einen eigenen Stempel in den Pass.

97 Prozent der Bevölkerung Sansibars sind Muslime. Entsprechend sollte man sich kleiden, also in der Stadt und in Dörfern nicht in Badekleidung oder mit freiem Oberkörper herumlaufen, sondern Schultern und Knie bedecken.
97 Prozent der Bevölkerung Sansibars sind Muslime. Entsprechend sollte man sich kleiden, also in der Stadt und in Dörfern nicht in Badekleidung oder mit freiem Oberkörper herumlaufen, sondern Schultern und Knie bedecken.

Sansibar also. Spice Island, die Insel der Gewürze. Statt nach Zimt und Nelken riecht es zunächst jedoch nach Brackwasser und dem Zweitaktgemisch der Vespas, die sich in teils aberwitzigen Manövern ihren Weg in den Kern von Sansibar City bahnen. Vorbei an Plattenbauten, wie man sie am Indischen Ozean nicht erwartet. „Schaut hin. Das hat in den 60ern ein Architekt aus eurer Heimat gebaut”, sagt Taib, der Fahrer. Eine Entschuldigung drängt sich auf, doch der Sansibari winkt ab: „Lasst mal. Die Wohnungen sind sehr beliebt.” Mehrgeschossige Klötze, in dessen ehemals grauen Beton Zeit und Klima ein grünschwarzes Muster gefressen haben, starren den Schönheit suchenden Besuchern entgegen. Im Arrangement mit den immer noch nach Aufmerksamkeit heischenden Plakaten längst vergangener Wahlen ergeben sie ein, sagen wir: wenig ansprechendes Bild. Müsste nicht alles ganz anders und alles so makellos sein? Auf Sansibar? Jener Perle aus 1001 Nacht, von der erzählt wurde, damals im Geschichtsunterricht. Jener Nelkeninsel, die der deutsche Kaiser 1890 an Großbritannien abtrat im Tausch gegen das 800 Mal kleinere Helgoland. Kardamom-Kaffee gegen Friesentee. Ein umstrittener Handel. Und ein dreister noch dazu. Denn Sansibar war nie deutsche Kolonie. Stattdessen leibten sich die Briten ein bis dahin freies Sultanat ein.

Nungwi ist seit 200 Jahren Zentrum der Schiffsbauer. Dort steckt  in einem einzigen Brett aus rotem Mahagoni ein ganzer Tag Muskelkraft. Mit Handbohrern und Augenmaß entsteht so aus knochenhartem Teakholz eine arabische Dau.
Nungwi ist seit 200 Jahren Zentrum der Schiffsbauer. Dort steckt in einem einzigen Brett aus rotem Mahagoni ein ganzer Tag Muskelkraft. Mit Handbohrern und Augenmaß entsteht so aus knochenhartem Teakholz eine arabische Dau.

Gerade erst 50 Jahre zuvor hatte Sultan Sayyid Said seinen Regierungssitz von Muscat im heutigen Oman auf die afrikanische Insel verlegt. War mit Harem und Hofstaat angerückt und hatte abkassiert. Beim Handel mit Gewürzen, Elfenbein – und Menschen. Sansibar, Zanzibar im Rest der Welt, Unguja auf Swahili, bedeutet „Land der Schwarzen”. „Zenj” lautet das arabische Wort für schwarz; „bar” jenes für Land. Das Wort „frei“ jedoch wurde im Sultanat als erstes gestrichen: Sklaven waren jene, die nach endlosen Märschen durch das Innere Afrikas etwa vom kleinen Küstenort Bagamoyo aus nach Sansibar verschifft wurden. Um von dort ein Leben anzutreten, das keines mehr war. Bagamoyo – „Leg dein Herz nieder”. Kaum einer sah seine Heimat je wieder.

Im Herzen Sansibar Citys zwängen sich heute Touristen in jene winzigen Katakomben, in denen Männer, Frauen und Kinder oft halbtot darauf warteten, auf dem Sklavenmarkt zur Schau gestellt zu werden. Enge, Finsternis und Feuchtigkeit lassen sie kaum atmen. Erst 1873 schloss der Menschenmarkt. Offiziell. Doch der Handel ging drei Jahrzehnte lang weiter. Bis zu 40.000 Menschen jährlich wurden von Sansibar aus in den Rest der Welt entführt.
Autos und Kleinbusse füllen an ihrer statt heute den Marktplatz. Bevor sie zur Gewürz-Tour ins Innere des Landes aufbrechen, um Zimt zu bestaunen und Pfeffer zu probieren, fotografieren Touristen in Zweierreihen das Mahnmal auf dem Vorplatz der Basilika. Katholische Choräle haben die Klagelieder der Sklaven abgelöst. Die heutige Predigt, sie handelt von Frieden und Freiheit. Und hoch über den Gläubigen malen der Turm der Kirche und das Minarett der angrenzenden Moschee eine perfekte Gerade in den ungeteilten Himmel. Man lebt friedlich auf Sansibar. Meistens. Vielleicht nicht gerade dann, wenn Wahlen anstehen.

Man – das ist beinahe die ganze Welt. Man – das sind Afrikanerinnen in bunten Kanga-Tüchern, Araber mit Kofie und in weißer Dischdascha, dem knöchellangen Gewand. Das sind Inderinnen im Sari, sind Swahili, die auf afrikanische und arabische Vorfahren zurückblicken. Und jenseits von tristen Plattenbauten gibt es einen Ort, an dem all diese Menschen zusammenkommen. Ein Ort, an dem Sansibar vielleicht so ist, wie Sansibar zu sein hat.

Die Sansibari sind nicht reich; als Spielzeug muss mitunter also auch ein einfacher Reifen herhalten.
Die Sansibari sind nicht reich; als Spielzeug muss mitunter also auch ein einfacher Reifen herhalten.

Anders, oft wunderschön: Stone Town, die Altstadt der Insel mit ihren berühmten Türen, deren Schnitzereien schon auf der Schwelle bezeugten, mit was der Besitzer handelte. Doch Stone Town, seit 2000 Unesco-Weltkulturerbe, vergeht. Jedes Jahr zur Regenzeit stürzen ein paar der 120 Jahre alten, zerfressenen Gebäude ein, die nie auch nur einen Krumen Zement gesehen haben, sondern aus dem errichtet wurden, was das Meer liegen ließ: Korallenblöcke und Findlinge aus Muschelkalk. Keine Frage: In Sachen Tourismus haben die Sansibari bis zum Ende der 80er-Jahre einiges verschlafen.

Damals löste sich Tansanias Traum vom Sozialismus in Rauch auf. Und selbst drei Jahrzehnte später ist die Insel im Indischen Ozean noch immer nicht viel mehr als ein „To do” auf der Liste jener, die sich bei einem kurzen Badeurlaub an herrlichen Sandstränden noch schnell den Safaristaub des Festlandes abwaschen wollen. Oder zum Geburtshaus des schillerndsten Sansibari pilgern: Freddie Mercury, eigentlich Farrokh Bulsara, verstorbener Sänger der Band Queen. Einige jedoch

Den Roten Colubusaffen, auch Sansibar-Stummelaffe genannt, gibt es nur auf Sansibar. Touristen können ihn im einzigen Nationalpark der Insel beobachten.
Den Roten Colubusaffen, auch Sansibar-Stummelaffe genannt, gibt es nur auf Sansibar. Touristen können ihn im einzigen Nationalpark der Insel beobachten.

verlieren sich auch ans Nordende der Insel, nach Nungwi, seit 200 Jahren Zentrum der Schiffsbauer. Dorthin, wo in einem einzigen Brett aus rotem Mahagoni ein ganzer Tag Muskelkraft steckt, Nägel aus Eisenschrott geschmiedet werden und mit Handbohrern und Augenmaß aus knochenhartem Teakholz eine arabische Dau entsteht. Arbeit für fünf Männer. Zumindest für einen Monat. Ein Ort, den zu entdecken sich lohnt, auf einer Insel, die mehr sein sollte als ein schlichter Zwischenstopp.

Sansibar. Dieser Name steht nicht zuletzt auch für Sand, für Sonnenuntergänge und Flitterwochen. Schließlich erzählt man sich hier die vielleicht romantischste Liebesgeschichte des 19. Jahrhunderts: jener Liebe zwischen Prinzessin Sayyida Salme bint Said bin Sultan Al Bu Sa’id und dem deutschen Kaufmann Heinrich Ruete. Dennoch: Ein Kuss in der Öffentlichkeit wird heute auf der mehrheitlich muslimisch geprägten Insel eher ungern gesehen. Prinzessin Salme wurde als Emily Ruete 1924 in Hamburg beigesetzt. Man erzählt sich, die Sehnsucht nach Sansibar habe sie nie losgelassen. Von dort geblieben war ihr nicht viel mehr als eine Flasche Sand.

Zurück am Flughafen ohne Gepäckband steckt je eine solche auch in den Koffern vieler Urlauber. Gefüllt mit dem weißem Sand aus dem Land der Schwarzen. Und der Sehnsucht nach einer Insel, die für so viel mehr steht, als für Weihnachtsduft und frischen Pfeffer.